Ideen über Staatsverfassung, durch die neue Französische Constitution veranlasst Aus einem Briefe an einen Freund vom August 1791
Ich beschäftige mich in meiner Einsamkeiti) mehr mit politischen Gegenständen, als ich es je bei den häufigen Veranlassungen dazu, die das geschäftige Leben darbietet, gethan habe. Ich lese die politischen Zeitungen regelmässiger als sonst und ob ich gleich nicht sagen kann, dass sie ein grosses Interesse in mir erwekten, so reizen mich doch noch am meisten die Französischen Angelegenheiten. Es fällt mir dabei alles Kluge und Einfältige ein, was ich seit zwei Jahren darüber gehört habe, und am Ende komme ich gewöhnlich auf Sie, lieber *, und den lebhaften Antheil, den Sie an diesen Gegenständen nahmen,ii) zurück. Mein eignes Urteil — wenn ich, um mir doch selbst von mir Rechenschaft zu geben, mich eins zu fällen zwinge — stimmt dann mit keinem andren geradezu überein; es mag sogar paradox scheinen, aber Sie sind ja einmal mit meinen Paradoxien vertraut, und [1.78] wenigstens sollen Sie in der gegenwärtigen auch Konsequenz mit den übrigen nicht vermissen.
Was ich am häufigsten, und, ich kann es nicht läugnen, mit dem meisten Interesse über die Nationalversammlung und ihre Gesezgebung hörte, war Tadel, nur leider ein Tadel, für den die Abfertigung immer so nah lag. Bald Mangel an Sachkenntniss, bald Vorurtheil, bald ein kleingeistiger Schauder vor allem Neuen und Ungewöhnlichen, und wer weiss was noch für leicht zu widerlegende Irrthümer; und hielt auch einmal ein Tadel jede Widerlegung aus; so blieb doch immer der leidige Entschuldigungsgrund, dass zwölfhundert auch weise Menschen doch immer nur Menschen sind. Mit dem Tadel, wie überhaupt mit dem Beurtheilen einzelner Anordnungen kommt man also schwerlich ins Reine. Dagegen giebt es, dünkt mich, ein ganz offenbares, kurzes, von jedermann anerkanntes Faktum, welches schlechterdings alle Data zur gründlichen Prüfung des ganzen Unternehmens vollständig enthält.
Die constituirende Nationalversammlung hat es unternommen, ein völlig neues Staatsgebäude, nach blossen Grundsäzen der Vernunft, aufzuführen. Diess Faktum muss jedermann, und sie selbst muss es einräumen. Nun aber kann keine Staatsverfassung gelingen, welche die Vernunft — vorausgesezt, dass sie ungehinderte Macht habe, ihren Entwürfen Wirklichkeit zu geben — nach einem angelegten Plane gleichsam von vornher gründet; nur eine solche kann gedeihen, welche aus dem Kampfe des mächtigeren Zufalls mit der entgegenstrebenden Vernunft hervorgeht. Dieser Saz ist mir so evident, dass ich ihn nicht auf Staatsverfassungen allein einschränken möchte, sondern ihn gern auf jedes praktische Unternehmen überhaupt ausdehne. Für einen so rüstigen Vertheidiger der Vernunft indess, als Sie sind, möchte er dieselbe Evidenz nicht haben. Ich verweile daher länger dabei.
Ehe ich jedoch zu den Gründen übergehe, noch vorher ein Paar Worte zur näheren Bestimmung desselben. Zuvörderst, sehen Sie, lasse ich den Entwurf der Nationalversammlung zu einer Gesezgebung für den Entwurf der Vernunft selbst gelten. Zweitens will ich auch nicht sagen, dass die Grundsäze ihres Systems zu spekulativ, nicht auf die Ausführung berechnet sind. Ich will sogar voraussezen, alle Gesezgeber zusammen hätten den wirklichen Zustand Frankreichs und seiner Bewohner auf das anschaulichste vor Augen gehabt, und die Grundsäze der Vernunft diesem Zu-[1.79] stande, soviel als es nur überhaupt, und jenem Ideal unbeschadet, möglich war, angepasst. Endlich rede ich nicht von den Schwierigkeiten der Ausführung. Wie wahr und wizig es auch sein mag qu’il ne faut pas donner des leçons d’anatomie sur un corps vivant *; so müsste doch erst der Erfolg zeigen, ob nicht dennoch das Unternehmen Dauer gewinnt, und nicht festgegründetes Wohl des Ganzen vorübergehenden Uebeln Einzelner vorgezogen zu werden verdient? Ich gehe also bloss von den simpeln Säzen aus: 1. die Nationalversammlung wollte eine völlig neue Staatsverfassung gründen, 2. sie wollte dieselbe in allen ihren einzelnen Theile nach den reinen, wenn gleich der individuellen Lage Frankreichs angepassten Grundsäzen der Vernunft bilden. Ich nehme diese Staatsverfassung — für den Augenblik — als völlig ausführbar, oder wenn man will, auch als schon wirklich ausgeführt an. Dennoch, sag' ich, kann eine solche Staatsverfassung nicht gedeihen.
Eine neue Verfassung soll auf die bisherige folgen. An die Stelle eines Systems, das allein darauf berechnet war, soviel Mittel, als möglich, aus der Nation zur Befriedigung des Ehrgeizes und der Verschwendungssucht eines Einzigen zu ziehen, soll ein System treten, das nur die Freiheit, die Ruhe, und das Glük jedes Einzelnen zum Zwek hat. Zwei ganz entgegengesezte Zustände sollen also auf einander folgen. Wo ist nun das Band, das beide verknüpft? Wer traut sich Erfindungskraft und Geschiklichkeit genug zu, es zu weben? Man studire noch so genau den gegenwärtigen Zustand, man berechne noch so genau darnach das, was man auf ihn folgen lässt, immer reicht es nicht hin. Alles unser Wissen und Erkennen beruht auf allgemeinen, d. i. wenn wir von Gegenständen der Erfahrung reden, unvollständigen und halbwahren Ideen, von dem Individuellen vermögen wir nur wenig aufzufassen, und doch kommt hier alles auf individuelle Kräfte, individuelles Wirken, Leiden, und Geniessen an. Ganz anders ist es, wenn der Zufall wirkt, und die Vernunft ihn nur zu lenken strebt. Aus der ganzen, individuellen Beschaffenheit der Gegenwart — denn diese von uns unerkannten Kräfte heissen uns doch nur Zufall — geht dann die Folge hervor, die Entwürfe, welche die Vernunft dann durchzusezen bemüht ist, erhalten, wenn auch ihre Bemühungen gelingen, von dem Gegenstande selbst noch, auf den sie angelegt sind, Form und Modifikation. So können sie Dauer gewinnen, so Nuzen stiften. Auf jene Weise, wenn sie auch ausgeführt werden, bleiben sie ewig unfruchtbar. Was im [1.80] Menschen gedeihen soll, muss aus seinem Innren entspringen, nicht ihm von aussen gegeben werden, und was ist ein Staat, als eine Summe menschlicher wirkender und leidender Kräfte?
Auch fordert jede Wirkung eine gleich starke Gegenwirkung, jedes Zeugen ein gleich thätiges Empfangen. Die Gegenwart muss daher schon auf die Zukunft vorbereitet sein. Darum wirkt der Zufall so mächtig. Die Gegenwart reisst da die Zukunft an sich. Wo diese ihr noch fremd ist, da ist alles todt und kalt. So, wo Absicht hervorbringen will. Die Vernunft hat wohl Fähigkeit, vorhandnen Stoff zu bilden, aber nicht Kraft, neuen zu erzeugen. Diese Kraft ruht allein im Wesen der Dinge, diese wirken, die wahrhaft weise Vernunft reizt sie nur zur Thätigkeit, und sucht sie zu lenken. Hierbei bleibt sie bescheiden stehen. Staatsverfassungen lassen sich nicht auf Menschen, wie Schösslinge auf Bäume pfropfen. Wo Zeit und Natur nicht vorgearbeitet haben, da ists, als bindet man Blüthen mit Fäden an. Die erste Mittagssonne versengt sie.
Indess entsteht hier noch immer die Frage, ob die Französische Nation nicht hinlänglich vorbereitet ist, die neue Staatsverfassung aufzunehmen? Allein für eine, nach blossen Grundsäzen der Vernunft, systematisch entworfene Staatsverfassung kann nie eine Nation reif genug sein. Die Vernunft verlangt ein vereintes, und verhältnissmässiges Wirken aller Kräfte. Ausser dem Grade der Vollkommenheit jeder einzelnen, hat sie noch die Festigkeit ihrer Vereinigung, und das richtigste Verhältniss einer jeden zu den übrigen vor Augen. Wenn aber auf der einen Seite die Vernunft nur durch das vielseitigste Wirken befriedigt wird, so ist auf der andren Seite das Loos der Menschheit Einseitigkeit. Jeder Augenblik übt nur Eine Kraft in Einer Art der Aeusserung. Häufige Widerholung geht in Gewohnheit über, und diese Eine Aeusserung dieser Einen Kraft wird nun mehr oder minder, länger oder kürzer, Charakter. Wie der Mensch auch ringen mag, die einzelne, in jedem Moment wirkende Kraft durch die Mitwirkung aller übrigen modificiren zu lassen; so erreicht er es nie, und was er der Einseitigkeit abgewinnt, das verliert er an Kraft. Wer sich auf mehrere Gegenstände verbreitet, wirkt schwächer auf alle. So stehen Kraft und Bildung ewig in umgekehrtem Verhältniss. Der Weise verfolgt keine ganz, jede ist ihm zu lieb, sie ganz der andren zu opfern. So ist auch in dem höchsten Ideale menschlicher Natur, das die glühende Phantasie sich zu bilden vermag, jeder Augen-[1.81] blik der Gegenwart eine schöne, aber nur Eine Blüthe. Den Kranz vermag nur das Gedächtniss zu flechten, das die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpft. Wie mit dem einzelnen Menschen, so mit ganzen Nationen. Sie nehmen auf einmal nur Einen Gang. Daher ihre Verschiedenheiten unter einander, daher ihre Verschiedenheiten in ihnen selbst in verschiedenen Epochen. Was thut nun der weise Gesezgeber? Er studirt die gegenwärtige Richtung, dann, je nachdem er sie findet, befördert er sie, oder strebt ihr entgegen; so erhält sie eine andre Modifikation, und diese wieder eine andre, und so fort. So begnügt er sich, sie dem Ziele der Vollkommenheit zu nähern. Was aber muss entstehen, wenn sie auf einmal nach dem Plane der blossen Vernunft, nach dem Ideale, arbeiten, wenn sie nicht mehr genügsam Eine Treflichkeit verfolgen, sondern zu gleicher Zeit nach allen ringen soll? Schlaffheit und Unthätigkeit. Alles, was wir mit Wärme und Enthusiasmus ergreifen, ist eine Art der Liebe. Wenn nun nicht Ein Ideal mehr die Seele füllt, so ist Kälte, wo ehemals Glut war. Ueberhaupt vermag mit Energie nie der zu wirken, der mit allen Kräften auf Einmal gleichmässig wirken soll. Mit der Energie aber schwindet jede andre Tugend hin. Ohne sie wird der Mensch Maschine. Man bewundert, was er thut; man verachtet, was er ist.
Lassen Sie uns einen Blik auf die Geschichte der Staatsverfassungen werfen, und wir werden in keiner einen nur irgend hohen Grad der Vollkommenheit finden, allein von den Vorzügen, die das Ideal eines Staats alle vereinen müsste, werden wir auch in den verderbtesten immer einen, oder den andren entdekken. Die erste Herrschaft schuf das Bedürfniss. Man gehorchte nie länger, als man entweder den Herrscher nicht entbehren, oder ihm nicht widerstehen konnte. Diess ist die Geschichte aller, auch der blühendsten alten Staaten. Eine dringende Gefahr nöthigte die Nation einem Herrscher zu gehorchen. War die Gefahr vorüber, so strebte sie das Joch abzuschütteln. Allein oft hatte sich der Herrscher zu sehr festgesezt, ihr Ringen war vergebens. Dieser Gang ist auch der menschlichen Natur völlig angemessen. Der Mensch vermag ausser sich zu wirken, und sich in sich zu bilden. Bei dem Ersteren kommt es bloss auf Kraft, und zwekmässige Richtung derselben an; bei dem Lezteren auf Selbstthätigkeit. Daher ist zu diesem Freiheit, zu jenem, da mehrere Kräfte nie besser gerichtet werden, als wenn Ein Wille [1.82] sie lenkt, Unterwürfigkeit nothwendig. Diess Gefühl unterwarf die Menschen der Herrschaft, sobald sie wirken wollten; aber das höhere Gefühl ihrer innren Würde erwachte, wenn dieser Zwek nun erreicht war. Ohne diese Betrachtung würde es auch nie begreiflich sein, wie derselbe Römer in der Stadt dem Senat Geseze vorschrieb, und im Lager seinen Rükken willig den Streichen der Centurionen darbot. Aus dieser Beschaffenheit der alten Staaten entspringt es, dass, wenn man unter Systemen absichtliche Plane versteht, sie eigentlich gar kein politisches System hatten, und dass, wenn wir jezt bei politischen Einrichtungen philosophische, oder politische Gründe angeben, wir bei ihnen immer nur historische finden. Diese Verfassung dauerte bis ins Mittelalter hin. Zu dieser Zeit, da die tiefste Barbarei alles überdekte, musste, sobald sich mit dieser Barbarei Macht vereinte, der ärgste Despotismus entstehn, und billig hätte man der Freiheit ihren gänzlichen Untergang verkündigen sollen. Allein der Kampf der Herrschsüchtigen unter einander erhielt sie. Nur konnte freilich, bei dieser gewaltsamen Lage der Sachen, niemand selbst frei sein, der nicht zugleich Unterdrükker der Freiheit der andren war. Das Lehnssystem war es, in welchem die ärgste Sklaverei, und ausgelassene Freiheit unmittelbar neben einander existirte. Denn der Vasall trozte dem Lehnsherrn nicht weniger, als er seine Unterthanen unmenschlich bedrükte. Die Eifersucht der Regenten auf die Macht der Vasallen schuf diesen ein Gegengewicht in den Städten und dem Volk, und endlich gelang es ihm, sie zu unterdrükken. Statt dass nun ehemals doch Ein Stand Dépot der Freiheit gewesen war, war jezt alles Sklave. Der Adel verband sich mit dem Regenten, das Volk zu unterdrükken, und von hier aus hebt die Verderblichkeit des Adels an, der immer nur ein nothwendiges Uebel war, und jezt ein überflüssiges geworden ist.iii) Seitdem diente nun alles den Absichten des Regenten allein. Dennoch gewann die Freiheit. Denn das das Volk mehr dem Regenten, als dem Adel unterworfen war; so verschafte schon die weitere Entfernung von jenem mehr Luft. Dann konnten jene Absichten auch nicht sowohl mehr, wie sonst, unmittelbar durch die physischen Kräfte der Unterthanen — woraus vorzüglich die persönliche Sklaverei entstand — erreicht werden. Es [1.83] war ein Mittel nothwendig, das Geld. Alles Streben gieng nun also dahin, von der Nation, soviel als möglich, Geld aufzubringen. Diese Möglichkeit beruhte aber auf zwei Dingen. Die Nation musste Geld haben, und man musste es von ihr bekommen. Jenen Zwek nicht zu verfehlen, mussten ihr allerlei Quellen der Industrie eröfnet werden; diesen am besten zu erreichen, musste man mannigfaltige Wege entdekken, theils um nicht durch aufbringende Mittel zu Empörungen zu reizen, theils um die Kosten zu vermindern, welche die Hebung selbst verursachte. Hierauf grünen sich eigentlich alle unsre heutigen politischen Systeme. Teil aber, um den Hauptzwek zu erreichen, also im Grunde nur als untergeordnetes Mittel, Wohlstand der Nation beabsichtet wurde, und man ihr, als unerlassbare Bedingung dieses Wohlstandes, einen höheren Grad der Freiheit zugestand; so kehrten gutmüthige Menschen, vorzüglich Schriftsteller, die Sache um, nannten jenen Wohlstand den Zwek, die Erhebung der Abgaben nur das nothwendige Mittel dazu. Hie und da kam diese Idee auch wohl in den Kopf eines Fürsten, und so entstand das Princip, dass die Regierung für das Glük und das Wohl, das physische und moralische, der Nation sorgen muss. Gerade der ärgste und drükkendste Despotismus. Denn weil die Mittel der Unterdrükkung so verstekt, so verwikkelt waren; so glaubten sich die Menschen frei, und wurden an ihren edelsten Kräften gelähmt. Indess entsprang aus dem Uebel auch wieder das Heilmittel. Der auf diesem Wege zugleich entdekte Schaz von Kenntnissen, die allgemeiner verbreitete Aufklärung belehrten die Menschheit wieder über ihre Rechte, brachten wieder Sehnsucht nach Freiheit hervor. Auf der andren Seite wurde das Regieren so künstlich, dass es unbeschreibliche Klugheit und Vorsicht erheischte. Gerade in dem Lande nun, in welchem Aufklärung die Nation zur furchtbarsten für den Despotismus gemacht hatte, vernachlässigte sich die Regierung am meisten, und gab die gefährlichsten Blössen. Hier musste also auch die Revolution zuerst entstehen, und nun konnte kein andres System folgen, als das System einer gemässigten, aber doch völligen und unumschränkten Freiheit, das System der Vernunft, das Ideal der Staatsverfassung.iv) [1.84]Die Menschheit hatte an einem Extrem gelitten, in einem Extrem musste sie ihre Rettung suchen. Ob diese Staatsverfassung Fortgang haben wird? Der Analogie der Geschichte nach, Nein! Aber sie wird die Ideen aufs neue aufklären, aufs neue jede thätige Jugend anfachen, und so ihren Segen weit über Frankreichs Gränzen verbreiten. Sie wird dadurch den Gang aller menschlichen Begebenheiten bewähren, in denen das Gute nie an der Stelle wirkt, wo es geschieht, sondern in weiten Entfernungen der Räume oder der Zeiten, und in denen jene Stelle ihre wohlthätige Wirkung wieder von einer andren, gleich fernen, empfängt.
Ich kann mich nicht enthalten, dieser lezten Betrachtung noch einige Beispiele hinzuzufügen. In jeder Periode hat es Dinge gegeben, die, verderblich an sich, der Menschheit ein unschäzbares Gut retteten. Was erhielt die Freiheit in den Zeiten des Mittelalters? Das Lehnssystem. Was Aufklärung und Wissenschaften in den Zeiten der Barbarei? Das Mönchswesen. Was die edle Liebe zum andren Geschlecht in den Zeiten der Herabwürdigung dieses Geschlechts bei den Griechen, um auch aus dem häuslichen Leben ein Beispiel zu wählen? Die Knabenliebe. Ja, wir bedürfen nicht einmal der Geschichte; der Gang des Menschenlebens überhaupt ist das treffendste Beispiel. In jeder Epoche desselben ist Eine Art des Daseins Hauptfigur in dem Gemälde, indess alle übrigen ihr, als Nebenfiguren, dienen. In einer andren Epoche wird sie zur Nebenfigur, und eine von jenen tritt auf den Vordergrund. So danken wir allen bloss heitren, sorgenfreien Genuss der Kindheit; allen Enthusiasmus für das empfundene Schöne, alle Verachtung der Arbeit und Gefahr, es zu erringen, dem blühenden Jünglingsalter; alle sorgsame Ueberlegung, allen Eifer aus Gründen der Vernunft der Reife des Mannes; alle Gewöhnung an den Gedanken der Hinfälligkeit selbst, alle wehmüthige Freude an der Betrachtung, das war, und ist nun nicht mehr! dem Hinwelken des Greises. In jeder Periode existirt der Mensch ganz. Aber in jeder schimmern nur Ein Funke seines Wesens hell und leuchtend: bei der andren ists der matte Schein, bald des schon halbverloschnen, bald des erst künftig aufflammenden Lichts. Eben so ists in jedem einzelnen Menschen, mit [1.85] jeder seiner Fähigkeiten und Empfindungen. Allein ein Individuum Einer Art erschöpft selbst in der Folge aller Zustände nicht alle Gefühle. Der Mann z. B. bei den Menschen, ewig beschäftigt ausser sich zu wirken, ewig strebend nach Freiheit und Herrschaft, besizt nur selten die Sanftmuth, die Güte, den Wunsch, auch durch das Glük zu beglükken, das man empfindet, nicht immer durch das, was man giebt — welches alles dem Weibe so eigen ist. Dagegen fehlt es dem Weibe so oft an Stärke, Thätigkeit, Muth. Um daher die volle Schönheit des ganzen Menschen zu fühlen, muss es ein Mittel geben, das beider Vorzüge, wenn auch nur auf Momente, und in verschiednen Graden vereint fühlen lässt, und diess Mittel muss des schönsten Lebens schönsten Genuss bewahren.
Was folgt nun aus diesem allem? dass kein einzelner Zustand der Menschen und Dinge Aufmerksamkeit verdient an sich, sondern nur im Zusammenhang mit dem vorhergehenden und folgenden Dasein; dass die Resultate an sich nichts sind, alles nur die Kräfte, die sie hervorbringen, und die das aus ihnen entspringen.
Und nun genug für heute, lieber *. Leben Sie wohl!
Bemerkungen zur Entstehungsgeschichte
Handschrift (12 Quartseiten, ein undatierter Brief an Gentz, mit Titel versehen und durch zwischen die Zeilen geschriebene Veränderungen bearbeitet) im Archiv in Tegel. — Erster Druck: Berlinische Monatsschrift 19, 84—98 (Januarheft 1792).
Seit seinem Austritt aus dem Staatsdienst, seiner Heirat und der Übersiedelung in die Einsamkeit von Burgörner im Juli 1791 verfolgte Humboldt mit lebhaftem Interesse den Fortgang der politischen Ereignisse in Frankreich, dessen Nationalversammlung soeben das in Verfassungswerk abgeschlossen hatte, und trat darüber einen eingehenden Briefwechsel mit Gentz. Ein Brief an Gentz, nur wenig im Eingang verändert und hie und da stilistisch überarbeitet, ist auch dieser Aufsatz. Humboldt nennt ihn Forster gegenüber (1. Juni 1792) zufällig und zum Teil deshalb mit vielen sinnentstellenden Druckfehlern ans Licht gekommen: unrichtig behauptet Fester, daß er ohne Humboldts Wissen gedruckt worden sei, denn seine eigenhändige Redaktion des Briefes liegt vor.
Anmerkungen
- Nachdem Humboldt den juristischen Staatsdienst verlassen und am 29. Juni 1791 geheiratet hatte, verlebte er den Rest des Jahres auf seinem Landgut Burgörner bei Mansfeld ↩
- Über Gentzens Interesse für die Entwicklung der französischen Bewegung vgl. seine Briefe an Garve S. 58. 100 und Guglia, Friedrich von Gentz S. 97. ↩
- (="Anatomieunterricht muss man nicht auf einem lebenden Körper geben.")↩
- Dieser Satz über den Adel fehlt im ersten Druck; er fiel vermutlich der Zensur des Herausgebers Biester zum Opfer. ↩
- Im ersten Druck lautet dieser Satz: „ . . . . und nun konnte bei der bekannten Unfähigkeit der Menschen, die Mittelwege zu finden, und besonders bei dem raschen und feurigen Charakter der Nation kein andres System folgen als das, worin man die grösstmögliche Freiheit beabsichtigte . . . ." Stil und Inhalt zeigen in gleicher Weise, daß wir es hier mit keiner authentischen Korrektur, sondern wohl mit einem Zusatz Biesters zu tun haben. ↩