Rezension von Jacobis Woldemar Philosophie Königsberg, b. Nicolovius : Woldemar (vom Hn. Geh. Rath Jacobi in Düsseldorf) 1794. I. Th. XXI S. Vorb. u. 190 S. 2. Th. VI S. Vorb. u. 294 S. 8.
Wenn ein philosophisches System nach seiner inneren Consequenz und Uebereinstimmung mit der selbsterkannten Wahrheit objectiv beurtheilt ist; kann es nunmehr auch subjectiv mit dem Geiste und dem Charakter seines Urhebers verglichen, und untersucht werden, mit welchem Grade der Nothwendigkeit es aus seiner Individualität entspringt, und welche Eigenthümlichkeit diese in dieser Rücksicht an sich trägt. Je wichtiger das einzige Ziel alles Philosophirens, die Erkenntniss aussersinnlicher Wahrheiten und die strenge Prüfung der Festigkeit dieser Erkenntniss ist; desto interessanter muss die Beschäftigung seyn, dem Gange, auf welchem mehrere Köpfe dahin zu gelangen strebten, mit Aufmerksamkeit nachzuforschen. So wie aber diess Interesse weniger von dem objectiven Werthe der Systeme an sich, als von der originellen Individualität ihrer Urheber abhängt; eben so wird auch diese Beschäftigung selbst nicht sowohl unmittelbar der Philosophie, als Wissenschaft, als vielmehr dem Philosophen erspriesslich seyn, der sie vornimmt. Zwar kann das Ideal einer wahren Philosophie — wenn diese nemlich die vollständige Ausmessung aller menschlichen Vermögen zum Grunde legen muss, um darnach die Möglichkeit objectiver Erkenntniss zu bestimmen, und die allgemeinen Gesetze der Thätig-[1.289] keit jener Vermögen zu entdecken — gewiss nur aus dem vereinten Streben aller menschlichen Kräfte hervorgehn. Allein auch bei Systemen, denen man schlechterdings Wahrheit und Allgemeingültigkeit abzusprechen genöthigt wäre, könnte der enge Zusammenhang mit der Kraft, die sie schuf, die Aufmerksamkeit anhaltend fesseln. Erschiene daher auch je der Zeitpunkt, in welchem alle denkende Köpfe sich über Eine Philosophie vereinigt hätten; so würde dennoch das Studium der bisherigen Systeme schon in dieser Hinsicht immer nothwendig bleiben. Am meisten aber würde diess der Fall bei den Systemen solcher Männer seyn, die ihr ganzes höheres Daseyn in ihre philosophische Ueberzeugung am innigsten verwebt haben; wie denn hierin, um ein Beispiel anzuführen, vielleicht niemand die Griechen übertroffen hat, deren Systeme fast durchaus die Frucht ihrer gesammten Kräfte in der grössesten Harmonie ihres Strebens sind, und die niemand als Philosophen vollständig würdigen wird, der sie nicht als Menschen aufzufassen Sinn genug hat. Hieraus ergiebt sich also eine zwiefache und so verschiedene Behandlung der philosophischen Geschichte, dass sie schwerlich von weniger, als zwei ganz verschieden gebildeten Köpfen mit Hofnung des Erfolgs versucht werden darf. Denn wenn der eine das hier angenommene einzig wahre System unausgesetzt vor Augen haben muss; so müssen dem andern mehr die verschiednen möglichen Richtungen des philosophischen Geistes gegenwärtig seyn. Wenn der eine mit unerbittlicher Strenge alles zurückweisen muss, was sich von seiner einzigen Norm entfernt; so muss der andre mit einer liberaleren Vielseitigkeit sich gänzlich seinen eignen Meynungen entreissen, und die fremde Vorstellungsart schlechterdings nur als eine eigne, ganz und gar aber nicht — sey es auch noch so sehr gegen seine eigne Ueberzeugung — als eine unrichtige betrachten. Giebt es nun eine Philosophie, die auf Dingen beruht, über die sich nicht durch Beweis und Gegenbeweis streiten lässt, sondern die nur ein übereinstimmendes oder widersprechendes Gefühl bejahen oder verneinen kann; so wird bei dieser der subjective Zusammenhang mit der Individualität ihres Urhebers auch für ihren Inhalt selbst wichtig seyn. In gewisser Hinsicht aber muss dieser Fall bei jeder denkbaren Philosophie eintreten. Denn jede muss zuletzt auf ein unmittelbares Bewusstseyn, als auf eine Thatsache, fussen. Indess kann es auch philosophische Systeme geben, welche mehrere solcher Thatsachen zum Grunde legen. Von dieser Art ist nun [1.290] ganz und gar diejenige, welche der Herausgeber der Briefsammlung Eduard Allwills als die seinige schildert. Was er erforscht hatte, sagt er in der Vorrede zu diesem Buche S. XV. von sich selbst, suchte er sich selbst so einzuprägen, dass es ihm bliebe. Alle seine wichtigsten Ueberzeugungen beruhten auf unmittelbarer Anschauung; seine Beweise und Widerlegungen auf zum Theil (wie ihn däuchte) nicht genug bemerkten, zum Theil noch nicht genug verglichenen Thatsachen. Bei einer solchen Theorie giebt es — und diess allein raubt derselben gewiss noch nicht die Möglichkeit der Allgemeingültigkeit — keine andre Art der Ueberzeugung, als dass ich den andern in eben die Lage versetze, in der ich selbst einer solchen Anschauung theilhaftig, mir einer solchen Thatsache bewusst wurde. Die Flamme, die hier leuchten soll, vermag nur die Flamme, die schon brennt, zu entzünden. Sehr richtig fährt daher der Vf. jener Stelle von sich weiter fort: Er musste also, wenn er seine Ueberzeugungen andern mittheilen wollte, darstellend zu Werke gehn. Diess nun zu thun, hat der Vf. in jenem Werk, wie in diesem versucht, in welchem er (Th. 1. Vorb. S. XV.) ausdrücklich auf die hier angeführte Stelle der früher erschienenen Schrift Anweisung giebt. Man muss daher diese längere Abschweifung der Unmöglichkeit verzeihen, auf eine andre Weise den Zweck des angezeigten Werks vollständig darzulegen, und zu der Eigenthümlichkeit desselben gehörig vorzubereiten. In wiesern nun jede unmittelbare Anschauung alle Erklärung ausschliesst, die niemals andre, als mittelbare Einsicht gewährt, und in wiefern das, worauf diese Anschauungen und Thatsachen beruhen — wenn das, was sich darauf gründet, auf Allgemeingültigkeit Anspruch machen soll — nicht Einem einzelnen, sondern der Menschheit angehören muss — insofern bestimmt der Vf. die Absicht seiner Schrift noch näher dahin: Menschheit, wie sie ist, erklärlich oder unerklärlich, auf das gewissenhafteste vor Augen zu legen. i) Gewiss nicht bloss ein erhabener Zweck, sondern auch ein schwieriges Unternehmen! Wem es gelingen soll, der muss selbst eine hohe Menschheit in sich tragen, muss oft und streng sich selbst geprüft, und mit ruhiger Beurtheilung das Zufällige seines Wesens von dem Nothwendigen geschieden haben, wodurch er unmittelbar mit der Menschheit in ihrer reinen idealischen Gestalt verwandt [1.291] ist. Nur solch ein Mann kann den Eindruck hervorzaubern, mit dem der gleichgestimmte Leser so viele Stellen des Woldemar verlassen wird; und wenn andre literärische Produkte nur einzelne Talente des Schriftstellers beweisen, so stellen solche, als das gegenwärtige, das ganze Daseyn des Menschen dar. Doppelt erhöht wird dieser Reiz aber dadurch, dass in der vorliegenden Schrift nur von praktischer Philosophie die Rede ist; dass jede Zeile das reinste, ächteste, sittliche Gefühl, mit dem zartesten und beweglichsten Schönheitssinn auf das innigste verbunden, athmet; und dass man weniger über Menschheit raisonniren hört, als Personen, deren jede wenigstens in Einer Hinsicht ein Repräsentant der Menschheit heissen kann, in interessanten Situationen selbst thätig erblickt.
Ein Paar seltene Charaktere, aus dem stärksten und zugleich feinsten Stoffe gebildet, den die Menschheit ertragen, und in die edelste Form gegossen, die sie annehmen kann, in einfachen, aber den Geist wie das Herz gleich stark anziehenden Lagen in Handlung gesetzt, dienen dem Vf. zum Vehikel, an ihnen den Begriff der ächten Tugend, und Moralität in ihrer Reinheit darzustellen. Mit ausserordentlich günstigen Anlagen zu Erreichung einer hohen sittlichen Schönheit, und mit natürlicher Stimmung zur Erfüllung jeder Pflicht des Wohlwollens, der Selbstverläugnung und des Edelmuths gebohren, hat sich Woldemar gewöhnt, seine Moralität nicht bloss aus sich selbst, aus der Kraft seiner praktischen Vernunft, sondern auch aus der Mitte der Triebe hervorgehen zu sehen, mit deren Widerstand sie sonst am heftigsten zu kämpfen hat. Zu dieser glücklichen Organisation gesellt sich bei ihm die, auf Vernunftgründe gestützte Ueberzeugung, dass etwas so Hohes und Göttliches, als die Tugend, auch nothwendig aus unvermittelter Selbstthätigkeit entspringen muss, und weder von äusseren Formen und Vorschriften abhängig gemacht, noch durch Construction von Begriffen zu Erreichung bestimmter Zwecke gleichsam künstlich aufgebaut werden kann. Glühende Wärme des Gefühls, lebhafte Einbildungskraft, und vorzüglich eine innige Harmonie seines ganzen Wesens, besonders eine enge Verbindung seiner denkenden und empfindenden Kräfte, fesseln ihn überall unauflöslich an angeschaute Realität, an freie Selbstthätigkeit, und entfernen ihn überall von bloss begriffener Idealität, von auch nur scheinbarem Zwange. So bewirken alle diese Gründe vereint, dass er, bei den richtigsten theoretischen Ueberzeugungen von dem Wesen der [1.292] Tugend und Sittlichkeit, in der Ausübung mehr Pflichten erfüllt, die er liebt, als sich Gesetzen unterwirft, die er achtet, dass Gehorsam ihm überhaupt fremder ist, als es Menschen geziemt, und dass er die Vorschriften der Tugend nur in den Handlungen des Tugendhaften aufsucht, der, nach seinem Ausdruck, eben so der Sittlichkeit durch die That die Regel vorschreibt, als das Genie der Kunst.ii) Kein Wunder also, dass er nicht selten seinem sittlichen Gefühl, auch ohne die nothwendige jedesmalige genaue Prüfung, zuviel einzuräumen, und den Eingebungen seines Herzens in zu stolzem Vertrauen zu unbedingte Folge zu leisten Gefahr läuft. Mit diesem Charakter tritt Woldemar in den Kreis einer Familie, von der sein Bruder, Biderthal, ein Mitglied ist, und die sich nicht minder durch Bande der Liebe, als der Verwandtschaft an einander gekettet sieht. Kleine Veranlassungen aus den gewöhnlichen Begebenheiten des täglichen Lebens lassen Gespräche über das, was schicklich und anständig, und wenn sich die Unterredung von der minder bedeutenden Veranlassung zu allgemeineren Grundsätzen erhebt, über das, was sittlich und tugendhaft ist, über die Unterschiede in der Moralität des jetzigen Jahrhunderts und des Alterthums u. s. f. entstehen, in welchen — ausser dem wichtigen philosophischen Gehalt — sich der Charakter Woldemars und der übrigen auftretenden Personen wie von selbst vor dem Leser entwickelt. Unter allen, die Woldemar umgeben, zieht Henriette, seines Bruders noch unverheirathete Schwägerin, seine Aufmerksamkeit am meisten auf sich. Sie stimmt seine vorherigen Begriffe über das andre Geschlecht gänzlich um. Neben der ganzen und vollen Weiblichkeit findet er in ihr ein gewisses Etwas, das er mit seiner allgemeinen Meynung über ihr Geschlecht nicht zu vereinigen weiss, etwas Höheres und Grösseres; und nach und nach schlingen sich ihre Herzen bis zur innigsten Verbindung an einander. In Woldemar hieng diese Freundschaft mit seinen wichtigsten und höchsten Ideen, mit seinem eigensten Wesen zusammen. Mitten in dem Wechsel von Empfindungen und Trieben, neben dem Entstehen und Untergehen mannigfaltiger Neigungen, fühlte er auch etwas Festes und Unvergängliches in sich. In den Momenten, wo sein Inneres am harmonischsten gestimmt war, wuchs auch diess Gefühl am lebhaftesten empor; und nur auf diesem Unvergänglichen, Uebermenschlichen gleichsam konnte die ächte Tugend, die Verwandtschaft des Sterblichen mit dem Gött-[1.293] lichen, beruhen. Dennoch war daneben die Veränderlichkeit der menschlichen Natur so sichtbar, selbst das Gefühl jenes höheren Etwas wurde nicht selten dadurch verdunkelt, sein Daseyn sogar war so unbegreiflich; es musste das dringendste Bedürfniss für ihn werden, sich unumstössliche Gewissheit desselben zuzusichern. Woldemar, den diess alles noch stärker und lebhafter, als gewöhnlich, bewegte, rang nach dieser Gewissheit auf seine Weise. Gefühl, Anschauung, bestätigte Wirklichkeit giengen ihm über alles. In einem andern Wesen musste er finden, was er in sich selbst ahndete. So musste er lernen, dass seine Weisheit kein Gedicht sey. iii) Lange hatte er diess mit sich herumgetragen, lange gesucht, von glücklichem Finden geträumt. Endlich deutete Henriette den Traum, und wie nun seine Freundschaft nur aus dem höchsten Gefühl der reinsten Tugend entsprang, so lehnte sich seine Tugend selbst wieder an die Freundschaft, als an eine schwesterliche Stütze. Nicht zwar als hätte es ihr an eigner Stärke gemangelt, aber weil vereinzelt gleichsam ihre Wesenheit entwich, und die unumstössliche Gewissheit ihres wirklichen Daseyns verschwand. Mit starken, aber gewiss unendlich feinen Fäden war in diese Empfindung der Freundschaft der Eindruck verwebt, dessen Weiblichkeit und vorzüglich schöne Weiblichkeit auf den reizbar und reingestimmten Mann niemals verfehlen kann. Mit einem Manne hätte Woldemars Freundschaft andre Modificationen angenommen, überhaupt vermochte nur eine weibliche Seele jenen Traum ihm zu deuten, und es bedarf mancher Mittelerläuterungen, wenn sein eignes Geständniss, dass jeder weibliche Reiz an Henrietten ihm sichtbarer, als allen andern gewesen, dass, wie Henriette, noch kein Mädchen ihm gefallen, mit seiner Versicherung, dass seine Empfindung zu ihr nichts mit ihrem Geschlechte zu thun gehabt, nicht in Widerspruch stehen soll.iv) Mit Bedauern sieht der Leser, der die Ahndungen seines Tactes um so lieber bestätigt oder widerlegt fände, als schon die Feinheit des Gegenstandes seine Ausmerksamkeit anzieht, dass die Geschichte die feineren Nüancen des Verhältnisses unbestimmt lässt: nur mit Mühe entdeckt der Kundige hie und da leise Winke. Aber was Woldemar suchte, und wie er es suchte, konnte er nur in einer weiblichen Seele finden. Durch die Natur seines Wesens nothwendig geleitet, und durch seine äussere Lage begünstigt, gehört das andre Geschlecht grössten-[1.294] theils dem inneren Leben und Weben in eignen Ideen und Empfindungen an. Sich darauf in hoher Einfachheit beschränkend, ist das weibliche Gemüth zwar vielleicht ein minder reiches und starkes, aber gewiss ein reineres Bild desselben, als jedes andre, und daher am meisten fähig, das zu gewähren, was Woldemar schmerzlich entbehrte. Jener Trieb aber, nach dessen Gewissheit er so ängstlich strebte, und der doch kein andrer ist, als den die Philosophie sonst den uneigennützigen, die Aeusserung der praktischen Vernunft, zu nennen pflegt, ist als blosser Trieb im Weibe schon um eben so viel reger und ununterbrochener lebhaft, als diess alle Neigungen und Gefühle überhaupt in ihm sind. Allein auch in seiner höheren Natur ist er deutlicher sichtbar. Unter allen Geschöpfen, die sich nach eignem Willen bestimmen, sind die Weiber der steten, immer wiederkehrenden Ordnung der Natur gleichsam am nächsten geblieben. Dadurch und durch die Mitwirkung ihres feineren Schönheitssinnes sind alle ihre, auch eigennützigen Triebe reiner und harmonischer gestimmt, und schon ihre sanfte Schwäche verhütet ein zu häufiges Einmischen der heftigen, wechselnden Begierde. Endlich scheinen sie unmittelbar aus der Hand der Natur zu kommen. Weniger, wie bei dem Manne, von eigenmächtigen Handlungen des bei diesem stärkeren und thätigeren Willens durchkreuzt, ist der Inbegriff ihres Wesens ein mehr durch die Natur und die Lage der Umstände gegebenes Ganze. Was man in demselben antrift, ist sichrer aus ihrer inneren Beschaffenheit hervorgegangenes Werk der Natur, als eigne Schöpfung. Wer aber vertraut nicht lieber dem Zeugniss des Unvergänglichen, als der Stimme des immer wechselnden Menschen? So musste Woldemar sowohl durch die Eigenthümlichkeit seines Charakters, als durch das, was er vermisste, fester an ein weibliches Geschöpf gefesselt werden; und so überrascht in der That die Wahrheit jenes Geständnisses, das er selbst von der Wirkung der weiblichen Reize Henriettens ablegt. Vielleicht hätte der Leser diess Verhältniss schärfer durchdrungen, wenn diese Nüancen desselben in ein helleres Licht gesetzt worden wären. Jetzt muss es ihm schwer werden, sich, vorzüglich von Henrietten, ein wahres und richtiges, besonders nur ein bestimmtes Bild zu entwerfen, da er, wenigstens wenn er sich in Woldemars Seele versetzt, nicht genug veranlasst wird, sie sich ganz so weiblich zu denken, als sie in der That ist. Oder soll er vielleicht mit Fleiss ungewiss bleiben? soll er auf der andern Seite alles auf einen Selbstbetrug [1.295] in Woldemar schieben? soll er, um der Entwicklung der Geschichte ungeduldiger entgegen zu sehen, unter der Freundschaft eigentliche Liebe vermuthen? Allein gewiss wäre diese Vermuthung irrig, und Woldemars Zuneigung zu Henrietten würde im höchsten Verstande rein genannt werden können, wenn Liebe ein Flecken heissen dürfte. Nicht bloss weil das, was ihn zuerst an Henrietten fesselte, rein moralisch war, muss von selbst jede sinnliche Begierde schweigen. Da das, wonach er sehnsuchtsvoll ringt, gerade das absolute Gegentheil alles Vergänglichen, Wechselnden, Körperlichen ist; muss ihn die leiseste Beimischung einer sinnlichen Empfindung empören. Wenn er Gewissheit des nur dunkel Geahndeten erhalten will, darf er es nicht wieder in leicht täuschender Verbindung mit fremdartigem Stoffe erblicken, muss er von diesem es sorgfältig abscheiden, und geläutert seinem inneren Auge darstellen. Für den, der am Unvergänglichen hängt, verliert das Vergängliche seinen Reiz. In Woldemar haben sich nicht die denkenden und empfindenden Kräfte, beide für sich gebildet und gepflegt, erst in ihrer Reife vereinigt; sie sind gleichsam von Kindheit an mit einander aufgewachsen, und eigentlich haben die ersteren die letzteren erzogen. Denn die Einheit erstrebende Vernunft — die sich immer leichter mit der Phantasie, von der sie ihren Ideen Symbole leiht, verbindet — ist stärker in ihm, als der zergliedernde Verstand. Daher sein Ringen nach allem Unvermittelten, Reinen, nach dem absoluten Daseyn. Von diesem allem aber existirt in der Wirklichkeit nichts. Alles ist da vermittelt, gezeugt, vermischt, nur bedingungsweis existirend. So entsteht in Charakteren dieser Gattung Abneigung gegen die empirische Wirklichkeit, und in Rücksicht auf die Empfindungsweise Abneigung gegen die Sinnlichkeit. Das Gefühl drängt sich mit vermehrter Stärke zu den rein geistigen Empfindungen zurück; die Einbildungskraft wächst zu ungewöhnlichen Graden; man erblickt das sonderbare Phänomen, dass die übergrosse Stärke der Empfindung gegen die ursprünglichste aller, die äussere, abstumpft. Ueberall wird man ungewöhnliche Glut der Phantasie mit Kälte der Sinne gepaart finden. Am wenigsten aber hätte Henriette in Woldemar Liebe zu entzünden vermocht. Wenn die Freundschaft nur Mannigfaltigkeit verlangt zu gemeinschaftlicher Verstärkung; so fodert die Liebe Ungleichartigkeit zu gegenseitiger Ergänzung. Woldemar aber und Henriette, wie Woldemar sie ansah, waren gleich. Nach der Art, wie sie auf ihn wirkte, nach dem, was er in ihr fand, [1.296] fiel vor seinen Augen der Unterschied des Geschlechts — so mächtig derselbe auch mitgewirkt hatte, um es nur möglich zu machen, dass er diess fand — hinweg; und er beurtheilt sich vollkommen richtig, wenn er sagt, dass ihm eine Verbindung mit ihr eben so unmöglich sey, als der Gedanke, eine Person seines eigenen Geschlechts zu heirathen. v)
Mit tiefer psychologischer Einsicht und feiner poetischer Kunst hat der Vf. durch die Entwicklung der Eigenthümlichkeiten Woldemars und die Darstellung seines Verhältnisses mit Henrietten das sonderbar scheinende Widerstreben, ihr seine Hand zu geben, nach und nach sorgfältig vorbereitet. Der Leser begreift nicht bloss Woldemars Gemüthsstimmung; er fühlt es gleichsam mit ihm, wie unmöglich es ihm seyn musste, da, wo er, nach Platos schönem Bilde,vi) Flügel suchte, sich in höhere Sphären zu schwingen, sich durch die alltäglicheren Verhältnisse einer Ehe an die Erde fesseln zu lassen. Dennoch hätte man wohl jenes sonderbare Gewebe scheinbar widerstreitender Empfindungen reiner durchschaut, wenn es in dem Plane des Vf. gelegen hätte, den Vorschlag der Verbindung auf eine andre Weise herbeizuführen, als durch die, in der That beinahe zudringliche Sorgfalt der Freunde Woldemars. Zu leicht wird man veranlasst, einen Theil der Abneigung auch dieser beizumessen. Etwas so Zartes, als das stille Bündniss zweier Herzen, scheut jede, auch die leiseste Berührung. Nur aus sich will es hervorgehen; nur in unentweihter Einsamkeit will es sich entwickeln, und die Hand, die sich ihm naht, kann es vernichten, ehe sie es berührt. Henriette wird also nicht Woldemars Gattin; allein sie selbst verbindet ihn mit ihrer vertrauten Freundin Allwina. Entzückend schön ist das fortdauernde trauliche Zusammenleben dieser drei Menschen geschildert. Wo wir, den einfachen Wegen der Natur folgend, mit allen ungetheilten Kräften geniessen, da gewinnt der Genuss einen gewissen innern Gehalt, der, von aussen gegeben, nur bearbeitet, nicht erst neugeschaffen zu werden braucht. Mit der Anstrengung ist daher Erholung gepaart, und die eine führt die andre wechselweis herbei. Diess empfand jetzt Woldemar. Er hatte bis dahin mehr in Ideen und selbstgeschaffenen Gefühlen gelebt; ohne jenen himmlischen Sphären fremder zu werden — sein Verhältniss mit Henrietten blieb ja das nemliche — kehrte [1.297] er in Allwinens Armen, im Schoosse des glücklichsten häuslichen Lebens, mehr zu der menschlichen Erde zurück, und eine gewisse Befreundung mit Dingen dieser Erde — heisst es einmal (Th. 2. S. 68.) bei einer andern Gelegenheit sehr gut — ist süsser, als die Weisen denken. Aber noch war er nicht zu dauernder Ruhe bestimmt. Es fehlte seinem Charakter an dem Einzigen, worauf sie sicher gegründet werden kann, an strenger Zucht, an ernster Selbstbeherrschung. Er hätte sie nur durch ein Geschenk des Zufalls genossen. Sehr gut bereiten die ängstlichen Besorgnisse Biderthals, der seines Bruders Betragen für eine Entfernung von dem Gange der Natur ansieht, den man nie ungestraft verlässt, den nahen Sturm vor. Bald darauf erscheint er selbst. Henriettens Vater hatte eine tiefe Abneigung gegen Woldemar gefasst. Mit einem, allein durch Gewohnheit und äussere Lagen gebildeten Charakter bemerkte er Woldemars Abweichungen von der gewöhnlichen Bahn, ohne sie zu begreifen; sah in ihnen bloss einen gänzlich verkehrten Sinn, und sprach ihm geradezu allen Glauben an Gott und an Menschen ab. Die Besorgniss, Henriette möchte ihm ihre Hand geben, quälte ihn anhaltend, und als er an einer Krankheit tödtlich danieder lag, verlangte er von ihr das feierliche Gelübde, sich nie mit ihm zu verbinden. Nichts, selbst nicht die Versicherung, dass Woldemar schon mit Allwina verlobt sey, vermochte ihm seine Unruhe zu benehmen. Henrietten empörte der Gedanke, gegen ihren Freund gleichsam in ein Bündniss zu treten, und ihm feierlich zu entsagen. Aber der Anblick des sterbenden Vaters, und die Ermattung selbst ihrer körperlichen Kräfte in dem fürchterlichen Kampf zwangen ihren Lippen das Gelübde ab. Der nunmehr beruhigte Vater verschied bald darauf. Woldemarn blieb der Vorfall verschwiegen. Erst einige Zeit nachher entdeckte er ihn durch einen Zufall. Er bewegte ihn heftig, und, wiederholter Kämpfe ungeachtet, konnte er die Folgen dieser Bewegung nicht ganz in sich unterdrücken. Ungefähr um dieselbe Zeit war Henriette durch nachtheilige Stadtgerüchte über ihr Verhältniss mit Woldemar verstimmt worden. Diess zufällige Zusammentreffen zwei verschiedener Eindrücke brachte in ihrem gegenseitigen Betragen zwar keine Kälte, aber etwas Fremdes, Ungewohntes hervor, das in jedem in dem Grade mehr zunahm, als er es in dem andern bemerkte. Henriette wagte endlich eine Erklärung. Sie bat ihn, dass sie in ihrem äussern Betragen einige Schritte rückwärts thun möchten. Woldemar, in dem sich diese Bitte mit dem abgelegten [1.298] Gelübde verband, wurde durch die vereinte Wirkung von beidem auf das gewaltsamste erschüttert. Henriette, schien es ihm, sey auf seine Unkosten allzunachgiebig gegen andre. Was muss ihr der seyn, den sie so leicht aufopfert? vii) Mit Meisterhand ist nun der Fortschritt gezeichnet, den dieser furchtbare Zweifel an dem, was ihm das Heiligste und Liebste war, in Woldemars Seele machte; wie er auf Henrietten zurückwirkte; wie die Momente, wo einer oder der andre den Knoten zu lösen oder zu zerschneiden entschlossen war, unbenutzt vorübergiengen; wie die Art, wie jeder dem andern erschien, mit jedem Tage das Misverständniss vermehrte, die Entwicklung verzögerte. Auf das heiterste und glücklichste Leben folgte eine schreckliche, quaalenvolle Zeit. Glücklicher Weise erfährt endlich Henriette, dass Woldemar um das Geheimniss des Gelübdes weiss. Jetzt ist ihr auf einmal Woldemars Umänderung klar. Nach einem Gespräche über Woldemars Charakter, über welchen der Leser hier die letzten Aufschlüsse erhält, über Tugend und Moralität überhaupt, (einem Gespräche, das den schönsten Theil dieser merkwürdigen Schrift ausmacht,) eilt Henriette zu Woldemar, beginnt ihm ihr Bekenntniss abzulegen, Verzeihung bei ihm zu suchen. Bei diesen Worten fühlt sich Woldemar getroffen. Es fällt, wie ein Schleier, von seinen Augen; er wird seiner Verirrung gewahr. Was sie von ihm erfleht, fühlt er, muss er von ihr erhalten. Das stolze Selbstvertrauen, durch das er gefallen war, schwindet; wie er ungerecht gegen Henrietten gewesen war, läuft er jetzt Gefahr, es gegen sich zu werden. Aber auch hier kehrt er bald wieder um. Die vorige Traulichkeit, der alte Friede kommen zurück, und Woldemar schliesst mit dem Ausspruch: Wer sich auf sein Herz verlässt, ist ein Thor — Richtet nicht!, dem Henriette Fenelons Worte zur Seite stellt: Vertrauet der Liebe. Sie nimmt alles; aber sie giebt alles. viii)
Woldemar hatte sich gewöhnt, sich mit einer gewissen Sicherheit seinem moralischen Gefühl zu überlassen, ohne Ausnahme den Regungen seines Herzens zu folgen. Auch konnte er diess in den meisten Fällen ohne Gefahr. Es ist sogar unläugbar ein höherer Grad der Tugend, wenn die Ausübung der Pflicht selbst zur Gewohnheit wird, wenn sie in das Wesen der sonst entgegenstrebenden Neigungen übergeht, und nicht jede pflicht-[1.299] mässige Handlung erst eines neuen Kampfes bedarf. Wie edel auch das Ringen des Pflichtgefühls gegen die Neigung seyn mag; so ist es doch immer ein Zustand des Krieges, und wer segnet nicht mehr die wohlthätige Hand des Friedens? Aber der Friede muss nicht durch Nachgiebigkeit erkauft seyn; er muss sein Entstehen der Niederlage des Feindes, seine Dauer dem Bewusstseyn der fortdauernden Stärke danken. Der wahrhaft tugendhafte Mann ist tugendhaft, weil seine Gesinnung es ist, weil diese sich einmal durch alle seine Empfindungen und Neigungen ergossen hat. Aber er hört darum nicht auf, wachsam zu seyn, er entnervt nicht seine Stärke. Sobald der Fall der Gefahr eintritt, weiss er die Stimme der Sinnlichkeit zu verachten, allein dem dürren Buchstaben des Gesetzes zu gehorchen. Und gegen diese Gefahr sichert keine, noch so glückliche Organisation, keine, noch so feine geistige Ausbildung. Diess zeigt Woldemars Beispiel auf eine sehr treffende Weise. Seitdem er das Geheimniss von Henriettens Gelübde erfuhr, fühlte sich sein Stolz beleidigt, seine Selbstsucht gekränkt. Ihm allein sollte sie angehören, für ihn sollte sie alles andre vergessen; nun trat sie am Sterbebett ihres Vaters gleichsam einem Bündniss gegen ihn bei, nun konnte sie ihm etwas verheimlichen, nun wollte sie etwas, das ihn betraf, fremden Rücksichten aufopfern. Indess war seine Freundschaft zu ihr wirklich gross und selten. An ihr zweifeln hiess ihm an dem Daseyn der Tugend, an seinem besten Selbst, an dem allein Göttlichen im Menschen zweifeln. Daran knüpften sich die minder edlen Regungen seiner Neigung. Der Abfall von ihm verwandelte sich in einen Abfall von dem besten Theile der Menschheit. Nur unter dieser täuschenden Gestalt, nur indem er die Hülle der Tugend selbst anzog, vermochte der eigennützige Trieb einen Woldemar zu verführen; allein unter dieser musste es ihm auch gerade bei einem, nicht an Zucht und Gehorsam gewöhnten Woldemar gelingen. Dass er aus Stolz fiel, beweist sein augenblickliches Zurückkehren, indem Henriette die Worte: Bekenntniss, Verzeihung aussprach. Diess ist ein tief aus der menschlichen Seele genommener Zug. Der ungerechte Stolz einer nicht unedlen Seele sinkt, wenn er sich überbefriedigt sieht, plötzlich zur Demuth herab. Sehr richtig warnt daher Woldemar vor allzusichrem Selbstvertrauen. Schön und weiblich setzt Henriette Fenelons Worte hinzu. Wer der Liebe vertraut, wird weniger straucheln. Der Liebe geht die Demuth schwesterlich zur Seite, und jede Abweichung von dem [1.300] Wege der Pflicht entspringt mehr oder minder aus Selbstsucht, also aus einer Art des Stolzes. Allein sollte auch das Vertrauen auf Liebe überall eine sichere Schutzwehr seyn? Sie war es in dem Fall, in dem sich Woldemar zu Henrietten befand, und diess kann dem Vf. hier genügen. Sonst würde auch er sie gewiss nicht allgemein dafür anerkennen. Wie edel auch ein Trieb seyn mag, so ist er immer etwas sinnlich Bedingtes, und nicht fähig, weder sichre — denn im Gebiete der Sinnlichkeit sind tausendfältige, auch dem Wachsamsten nicht immer bemerkbare Täuschungen möglich — noch weniger aber reine Moralität zu begründen. Allerdings ist der uneigennützige Trieb im Menschen ein göttlicher Trieb. Allein er ist göttlich, insofern die Kraft gleichsam übermenschlich ist, das Interesse des Individuums der Allgemeinheit des Gesetzes unterzuordnen. Trieb ist er nur insofern, als das Göttliche eines Körpers bedarf, um im Menschen zu wohnen.
Die Schwierigkeiten, mit welchen man gewöhnlich zu kämpfen hat, um einen, in ein ästhetisches Gewand gekleideten philosophischen Inhalt rein abzuscheiden, fallen bei der gegenwärtigen Schrift so gut als ganz hinweg. Was dem Vf. von philosophischen Ideen am Herzen gelegen hat, ist mit so starken Zügen gezeichnet, drückt sich selbst in den geschilderten Charakteren so unverkennbar aus, und geht schon aus dem Geiste, der das Ganze so lebendig durchwaltet, so freiwillig hervor, dass der Leser keinen Augenblick zweifelhaft bleiben kann. Wäre diess aber noch möglich, so dürfte er sich nur an die, von dem Vf. in seinen frühern Schriften geäusserten Ueberzeugungen wieder zurückerinnern. Denn — um diess beiläufig zu bemerken — nur in den Schriften weniger Männer wird man eine solche bewundernswürdige Einheit antreffen, als ein tiefes und anhaltendes Studium in den Schriften des Vf. nirgends vermissen kann. Nach meinem Urtheil — heisst es einmal in den Briefen über die Lehre des Spinoza (2te Aufl. S. 42.) — ist das grösseste Verdienst des Forschers, Daseyn zu enthüllen, und zu offenbaren. Erklärung ist ihm Mittel, Weg zum Ziele, nächster — niemals letzter Zweck. Sein letzter Zweck ist, was sich nicht erklären lässt: das Unauflösliche, Unmittelbare, Einfache. Dieser Ueberzeugung, die den philosophischen Charakter des Vf. auf das treffendste schildert, getreu, geht er in dem System der praktischen Philosophie, das im Woldemar seinem ganzen Wesen nach dargelegt ist, (Th. 1. S. 130.) von einem menschlichen Instinct aus, auf dem alle Tugend zu-[1.301] letzt beruht, der den Menschen zwingt, sich aus den Tiefen seines Wesens dieselbe hervorzuschaffen. Dieser Instinct der menschlichen, oder überhaupt jeder sinnlich vernünftigen Natur ist ihm (vergl. Ed. Allwills Briefsamml. Vorr. S. XVI. Anm.) diejenige Energie, welche die Art und Weise ihrer Selbstthätigkeit, durch deren Kraft man sich jede ihrer Handlungen als alleinthätig angefangen und fortgesetzt denken muss, ursprünglich (ohne Hinsicht auf noch nicht erfahrne Lust oder Unlust) bestimmt.ix) Insofern diese Naturen bloss in ihrer vernünftigen Eigenschaft betrachtet werden, hat derselbe die Erhaltung und Erhöhung des persönlichen Daseyns, des Selbstbewusstseyns, der Einheit des reflectirten Bewusstseyns mittelst continuirlicher durchgängiger Verknüpfung: — Zusammenhang zum Gegenstande; und insofern man in der höchsten Abstraction die vernünftige Eigenschaft rein absondert, geht der Instinct einer solchen blossen Vernunft allein auf Personalität mit Ausschliessung der Person und des Daseyns, weil beide hier nothwendig wegfallende Individualität verlangen. Die reine Wirksamkeit dieses letzten Instincts könnte reiner Wille, das Herz der blossen Vernunft heissen, und wenn man ihr, als einer Indication, philosophisch nachgienge, würde sich aus ihr unter anderm auch die Erscheinung eines unstreitig vorhandnen kategorischen Imperativs der Sittlichkeit vollkommen begreiflich finden lassen. Dieser Instinct umfasst also die doppelte Natur des Menschen. Er geht auf Erhaltung des Daseyns, wie jeder Trieb überhaupt; allein als auch der vernünftigen Natur angehörend, nur auf Erhaltung des dem Menschen eigenthümlichen Dasevns. Die eigenthümliche Natur des Menschen aber ist Vernunft und Freiheit. Vermöge dieses Instincts ist sich der Mensch daher einer Kraft bewusst, mit welcher er, allen Antrieben der Sinne entgegen, allein der Vernunft zu folgen vermag; ja er fühlt sich sogar, diess zu thun, durch einen unaustilgbaren Trieb gedrungen. Wie dieser Trieb entsteht, wie er wirkt, begreift er nicht; versucht er auch, wenn er weise ist, nicht zu erklären. Denn erklären lässt sich nur das Abhängige, Vermittelte; dieser Trieb aber ist das Letzte, Unvermittelte. Allein seines Da-[1.302] seyns und seiner höheren Natur ist er sich mit einer über allen Zweifel erhabenen Gewissheit bewusst; er fühlt, dass er selbst nur durch ihn mit allem Göttlichen verwandt, dass er der Odem Gottes ist in dem Gebilde von Erde. x) Was dieser Trieb in seiner Reinheit schaft, ist Tugend; und weil Uebung der Tugend nichts anders, als Wirksamkeit des Menschen in seinem eigenthümlichsten Daseyn ist, so ist mit der Tugend zugleich unmittelbar Glückseligkeit verbunden. Denn dasselbe Bewusstseyn, durch das wir den Ursprung der Tugend aus dem bessern Theil unsers Wesens gewahr werden, lehrt uns auch, dass die höchste Glückseligkeit nicht eine gewisse Art des äusserlichen Zustandes, sondern eine Beschaffenheit des Gemüths, eine Eigenschaft der Person ist. (Th. 1. S. 124.) Und so ist es die Tugend, welche dem Menschen zugleich die Geheimnisse seiner Natur und seiner Glückseligkeit heller offenbart.(Th. 1. S. 130.) Auf diesem Fundament ruht das System der praktischen Philosophie des Vf. Wie ungewöhnlich nun auch mancher Ausdruck, wie fremd die ganze Darstellungsart Lesern scheinen mag, welche sich einmal streng an die bisherigen Systeme halten; so werden sie derselben nicht absprechen können, dass die höchste Reinheit der Moralität darin unentweiht geblieben ist. Denn das Einzige, worauf alles endlich zurückgeführt wird, ist die Kraft der praktischen Vernunft, die uneingeschränkte Freiheit des Willens. Alle materialen Grundsätze sind gänzlich entfernt; und derjenige, der zwar nirgends förmlich ausgedrückt ist, den aber die ganze Ideenreihe deutlich anzeigt, ist lediglich formal, und allein in der Form der menschlichen Vernunft enthalten, auf welcher des Menschen persönliches Daseyn beruht, dessen Erhaltung und Erhöhung jener Instinct zum Gegenstande hat. Allein die Moral ist, dieser Vorstellungsart zufolge, auch wiederum nicht bloss eine aus Formeln und Vernunftsätzen bestehende Theorie, der es, wie consequent sie auch an sich seyn möchte, noch immer an äussrer Wahrheit, an praktischer Nothwendigkeit mangeln könnte; sie ist durch die festesten und in der Natur selbst sichtbarsten Bande mit der Wirklichkeit verknüpft, und geht aus dem innersten Wesen des Menschen hervor. Wenn er Mensch heissen, nicht die Stimme seines eignen Gefühls übertäuben will, muss er ihr Gehorsam leisten. Jener Trieb ist unläugbar im Menschen vorhanden, und insofern Instinct diejenige [1.303] innere bewegende Kraft ist, welche ursprünglich mit der Eigenthümlichkeit eines Wesens gegeben ist, kann er auch mit Recht Instinct genannt werden. Genau untersucht wird hier sogar nichts anders zum Grunde gelegt, als eben das, wovon auch das rechtverstandene Moralsystem der kritischen Philosophie ausgeht — sittliches Gefühl, Gewissen, Freiheit. Allein es ist hier auf einem durchaus andern, völlig eignen Wege gefunden, und wird auf einem andern herbeigeführt. Daher stellt es auch gerade seinen Ursprung in ein vorzüglich helles Licht, zeigt noch klärer die Verbindung zwischen dem Moralgesetz, und der wirklichen Natur des Menschen, enthüllt gleichsam noch mehr die Thatsachen der Freiheit und des sittlichen Gefühls, und giebt dadurch selbst zur Aufbauung der endlichen, von allen Seiten genügenden Philosophie die treflichsten Winke. Einen solchen Wink glauben wir z. B. darin zu entdecken, dass dem Instinct, der allem zum Grunde liegt, durchgängiger Zusammenhang zum Gegenstand gegeben, und also im Menschen ein Grundtrieb nach innerer und äusserer Ueber einstimmung festgestellt wird, aus dem sich — wenn es hier der Ort wäre, solchen Entwicklungen vorzugreifen — auch, unter andern wichtigen Folgen für die theoretische und praktische Philosophie, der nothwendige Zusammenhang der Glückseligkeit mit der Tugend streng beweisen lassen würde. Allein die Einsicht dieses Zusammenhanges bleibt immer ein tiefer Blick in die innerste Natur des Menschen. Den alten Philosophen, vorzüglich dem Aristoteles, entgieng er nicht.xi) Ihnen war der Mensch zu sehr ein Ganzes; ihre Philosophie gieng zu sehr von den dunklen, aber richtigen Ahndungen des Wahrheitssinnes aus. Sie verfielen aber zum Theil in ein entgegengesetztes Extrem, und läugneten alle Abhängigkeit von der Hand des Geschicks. Die neuere Philosophie hat zu sehr durch fremde Hand verknüpft, was, seiner Natur nach, schon verschwistert ist. Es bleibt einer künftigen vorbehalten, durch ein noch tieferes Eindringen in die Natur des sittlichen Gefühls, und seiner Wirksamkeit in dem ganzen Wesen des Menschen, das streng darzuthun, wofür die Empfindung des natürlichen, aber gutgestimmten Menschen von selbst so laut spricht. Dass aber jenem Triebe, jenem ursprünglichen Instincte nicht etwa unbestimmte Begriffe, oder dunkle Gefühle zum Grunde liegen, [1.304] beweisen unter mehreren merkwürdigen Stellen dieser Schrift vorzüglich die Worte Woldemars (Th. 1. S. 135.) in dem Gespräche mit Biderthal. Nachdem er gezeigt hat, wie der Begriff wichtiger und höher ist, als die Empfindung, und wie das ganze menschliche Bestreben dahin geht, unsre Empfindungen in Begriffe zu verwandeln, kommt er auf die Frage, worin die Vortreflichkeit des Menschen bestehe? Die Gaben, antwortet er sich selbst, sind mancherlei; aber jeder ist vortreflich in seinem Maass, dessen Vernunft seine Empfindungen, Begierden und Leidenschaften überschaut und beherrscht. Ich sage beherrscht! denn Empfindungen, Begierden und Leidenschaften müssen da seyn, wenn menschliche Vernunft da seyn soll. Aus stumpfen Sinnen werden nie helle Begriffe hervorgehen; und wo Schwäche der Triebe und Begierden ist, da kann weder Tugend noch Weisheit eine Stelle finden. Kein Volk; keine Obrigkeit! Keine Obrigkeit; keine Gemeine! Je zahlreicher aber und je rüstiger die Menge, desto grösser das Fürstenthum! Und gleich einem Fürstenthum ist die Vernunft, wovon ich rede. Ihr gehört jenes herrschende Gefühl, jene herrschende Idee, wodurch allen übrigen Ideen und Gefühlen ihre Stelle angewiesen wird, und ein höchster unveränderlicher Wille in die Seele kommt; von ihr kommt jener auf unüberwindliche Liebe gegründeter unüberwindlicher Glaube, und, mit diesem Glauben, jener heilige Gehorsam, welcher besser ist, denn Opfer. Das in dieser letzten Stelle über Liebe und Glauben Gesagte betrift die Verbindung der Moral mit der Religion, und erhält seine vollkommene Aufklärung aus den Briefen über die Lehre des Spinoza. Vorr. S. XLI—XLV. §. XXXIX—XLVI. Was also wohl das Resultat der ganzen Philosophie des Vf. überhaupt seyn dürfte, dass sie nemlich Wahrheit und Daseyn, um seinem eignen Ausdruck zu folgen, scharf aufzufinden, und klar zu enthüllen, die Thatsachen, von welchen ausgegangen werden muss, darzustellen, und den Weg des ferneren Ganges im Ganzen zu zeigen, mehr als vielleicht irgend eine andre, mit oft bewundernswürdigem Glücke bemüht ist; das ist gewiss in noch höherem Grade das Resultat des in dem Woldemar entworfenen Moralsystems. Allein wie bei seinen übrigen philosophischen Aeusserungen, so möchte man auch hier manchmal wünschen, dass es ihm gefallen haben möchte, die Begriffe noch genauer zu analysiren, die Sätze in strengerer Folge aus einander herzuleiten, ja selbst hie und da dem Ausdruck eine grössere Bestimmtheit zu [1.305] geben, um noch mehr jedem möglichen Misverständniss zuvorzukommen. Ueberall würde der Vortrag dadurch mehr Fasslichkeit und grössere philosophische Strenge erhalten; wo aber das System selbst noch einer Prüfung bedarf, da würde eine solche Methode zugleich den Vortheil, auch diese zu erleichtern, gewähren. Allein freilich könnte diess Unternehmen, wie schon der Vf. selbst einmal (Br. üb. d. Lehre d. Spinoza. Vorr. S. XXIV.) bemerkt, vollkommen nur in einem eignen sehr kritischen Werke geschehen, in welchem er sein Gedankensystem von Grund aus, und im Zusammenhange mit allen seinen Folgen darlegte; und wenn der Leser sich ihm schon zum lebhaftesten Dank für das, was er empfängt, verpflichtet fühlt, ist er freilich nicht berechtigt, auch noch auf eine neue Gabe Anspruch zu machen. So reich aber die gegenwärtige Schrift auch an philosophischem Gehalt ist; so ist sie doch auf der andern Seite zugleich ein freies dichterisches Product, und verdient vorzüglich als Kunstwerk, dass die prüfende Aufmerksamkeit dabei verweile. Auch alle philosophische Absicht entfernt, ist das Ganze ein schönes, anziehendes Gemählde interessanter Situationen; die Reihe der Begebenheiten geht, nur durch sich selbst bestimmt, mit ungezwungener Leichtigkeit fort, und das Raisonnement scheint wie von selbst und ohne Absicht hineinverwebt. Die Geschichte, welche dem Ganzen zum Vehikel dient, ist nicht reich an Erfindung, noch ihr Faden verwickelt — ein einfaches Familienleben in Verhältnissen, die fast durchaus mehr durch die Empfindungsweise der handelnden Personen, als durch äussre Vorfälle bestimmt werden. Allein gerade diess foderte auch sowohl die philosophische, als poetische Absicht des Vf. Je weniger Abweichungen die Dazwischenkunft äussrer Begebenheiten veranlasste, desto reiner konnten sich die Charaktere aus ihrer Individualität entwickeln, und diese vollkommen zu schildern, war unstreitig sein Hauptzweck. Und in der That verräth auch die Art ihrer Zeichnung, ihrer Haltung, ihrer Auflösung, da wo die Verwicklung manchmal auf den höchsten Grad steigt, eine seltne Feinheit der Beobachtung und eine gleich ungewöhnliche Gabe der Darstellung. Es gehörte ein eigner grosser Gehalt dazu, die einzelnen Züge zu Menschen, wie sie hier geschildert sind, zusammenzutragen, und reife psychologische Einsicht, sie, der Natur entsprechend, in Ein Bild zu vereinigen. Denn die hier gezeichneten Charaktere sind nicht bloss wegen ihrer wirklichen Vortreflichkeit selten, sondern besitzen auch [1.306] einen Grad der Originalität, der ihnen vor manchem, auch nicht ungeweihtem Auge etwas Fremdes, wenn nicht gerade Unnatürliches geben kann. Zwar existiren gewiss, zum Glück und zur Ehre der Menschheit, Individuen von gleich eindringendem Geiste, gleich grosser Wärme des Gefühls, gleich zartem Schönheitssinn, Menschen, denen also eben so wenig weder das Mühen nach äusseren Endzwecken, noch die blosse Thätigkeit der intellectuellen Kräfte genügt, die sich eben so ein eignes und gerade das liebste Geschäft daraus machen, gleichsam in der Mitte ihrer Empfindungen zu leben. Allein selten, und auch diess hat die Natur mit Weisheit geordnet, werden sie von den äussern Gegenständen so wenig gestört, und seltner noch von ihren Verhältnissen selbst so dringend veranlasst, sich, wenn der Ausdruck erlaubt ist, so in ihren Gefühlen zu verlieren, so anhaltend über ihnen zu verweilen, sie endlich so dauernd und so mächtig herrschend in sich werden zu lassen, als man hier, vorzüglich in einigen Epochen, an Woldemar und an seinen Freunden bemerkt. Was in der Natur einzeln, in verschiedenen Lagen, in längeren Zeiten zerstreut ist, das ist hier sehr natürlich näher zusammengerückt, und macht nur dadurch einen verschiednen, weniger gewohnten Eindruck. Es würde daher kaum wunderbar scheinen dürfen, wenn einige Situationen, z. B. Woldemars Abneigung, sich mit Henrietten zu verheirathen, und besonders die Art, wie beide sich, auf die Veranlassung eines Misverständnisses, gegenseitig quälen, wo Eine einfache Erklärung sie verglichen haben würde, einigen Lesern, vorzüglich beim ersten Anblick, nicht ganz natürlich scheinen sollten. Nicht zwar als könnten dergleichen im wirklichen Leben nicht vorkommen, da jeder Leser sich vielleicht nicht unähnlicher erinnern wird; nicht auch als entsprängen sie nicht aus den Charakteren, wie sie einmal geschildert sind, oder als wären die Umstände nicht gehörig auseinander gesetzt, die sie nicht bloss möglich, sondern sogar nothwendig machten; sondern bloss weil es ein mächtiger Unterschied ist, etwas in der wirklichen Natur und in der nachahmenden Schilderung zu erblicken. Es ist damit gerade ebenso, als mit der Erscheinung, dass es Dinge giebt, die beides zu komisch und zu tragisch sind, um z. B. auf dem Theater Glauben zu finden, und die dennoch im Leben wirklich und sogar nicht selten vorkommen. Wie nemlich die Natur immer die Gewissheit der Wirklichkeit unmittelbar mit sich führt, so ist die Nachahmung zu leicht von einem gewissen Mistrauen gegen ihre [1.307] Treue begleitet. Von diesem veranlasst geht man leicht dem Wege nach, auf dem sie eine Situation herbeiführt, um ihre Möglichkeit zu beurtheilen; und wie streng und genau dieser gezeichnet seyn mag, so zerstreut, (noch ungerechnet, dass es oft geheime, kaum bemerkbare Ursachen giebt, welche aller Darstellung entschlüpfen,) schon diese Vergleichung die Beobachtung, und verändert den Eindruck. Vorzüglich bei der Schilderung von Charakteren mag es also, auch innerhalb der empirischen Wahrheit, noch eine gewisse Grenze der poetischen Wahrscheinlichkeit geben; vorzüglich da mag nur eine gewisse Abweichung von der gewöhnlichen Menschennatur, die dem Gefühl eines jeden zum Maassstabe des Natürlichen dient, erlaubt seyn. So gefährlich aber auch die Klippe war, die dem Vf., welcher, seiner Absicht gemäss, einmal keine andre moralische Gestalten, als gerade die geschilderten, wählen konnte, hier drohte; so glücklich hat er sie zu überwinden verstanden, und auch die Zweifel, von welchen wir eben sprachen, werden gewiss bei tieferem Studium der gezeichneten Charaktere verschwinden. Vertraut mit dem Wesen der poetischen Kunst, weiss er, auch was völlig subjectiv scheint, noch an die nothwendigen Bedingungen der menschlichen Natur anzuknüpfen; mit kluger Vorsicht lässt er jede neue Wendung des Charakters so vollständig vorbereiten, und so lange verweilen, und mit meisterhaftem Talent versucht er durch eine schöne, an mehr als Einer Stelle hinreissende Sprache den Leser so in sein Interesse zu verweben, dass sein Gefühl in die gleiche Stimmung übergeht. Nun ist ihm jeder folgende Schritt klar, nun theilt er ihn selbst. Immer aber bleibt in Charakteren, wie Woldemar und Henriette, wie sie durch Woldemar umgebildet ist, gleichsam eine gewisse Schwierigkeit zurück. Wie schön und edel sie sind, wie tief sie ergreifen und erschüttern; so spannen sie doch das Interesse auf eine beunruhigende Weise. Es schmerzt, wenn man sieht, dass sie in der glücklichsten äusseren Lage, mit den besten Kräften, die das Geschick seinen Günstlingen zu schenken vermag, ihre Zufriedenheit und Thätigkeit durch Leiden unterbrechen, die man in die Versuchung kommen möchte, selbstgeschaffen zu nennen. Sanft und schön ruht daher der Blick auf einigen andern Gestalten aus, die mit weiser Oekonomie an ihre Seite gestellt sind. Welcher Leser erinnert sich nicht hiebei an Allwina, an das liebenswürdige Geschöpf, das in der höchsten Anspruchlosigkeit, sich selbst unbewusst, einen Schatz von Tiefe und Grösse des Charakters be-[1.308] wahrt, das schwere Verhältniss zwischen Woldemar und Henrietten allein durch Unbefangenheit des Sinnes fasst, und durch hingebende Liebe in schönen Einklang auflöst? Auch Henriettens beide verheirathete Schwestern haben in dieser Rücksicht keinen unbeträchtlichen Antheil an der Wirkung des Ganzen; und selbst der alte Hornich, wie er nur durch äussre Verhältnisse gebildet ist, und nur im Aeussern lebt, trägt durch seine contrastirende Gestalt wesentlich dazu bei, der Gruppe Mannigfaltigkeit zu geben, die von einer andern Seite her Einheit erhält. Denn Woldemar ist es, seine Art zu seyn, die sich nach und nach allen übrigen mehr oder minder mittheilt, an welche sich alles andre anschliesst. Dass sein Charakter sich entwickelte, dass er zu dem Grade der Ruhe und Festigkeit käme, der ihm so sehr mangelte, und nach dem er sich so innig sehnte, ist das letzte Ziel dieses schönen, mannigfaltig verflochtenen Ganzen. Diesem Ziele arbeitet alles in grosser Einheit entgegen. So wie Woldemar auftritt, erregt sein Charakter bei dem Leser, wie bei seinen Freunden, Besorgnisse. Wie er da ist, fühlt man lebhaft, ist er noch nicht zur Stätigkeit und Ruhe gediehen; er muss noch viele Prüfungen bestehen, neue Umwandlungen erleiden. In der Folge steigt die Verwicklung, und noch gerade den nächsten Augenblick vor der Auflösung hat sie den höchsten Gipfel erreicht, so dass man sich durch diese doppelt überrascht sieht. Dennoch ist es gerade diese Auflösung, mit welcher mancher Leser minder zufrieden seyn dürfte. Wie man sich Woldemar bis dahin zu denken gewohnt gewesen ist, mit der Grösse und Festigkeit, mit dieser eigentlichen Stärke des Charakters, hätte man ihn, wenn er je fallen konnte, lieber sich durch eigne Kraft wieder aufrichten sehen, als an der Hand eines Dritten, sey es auch die Hand der Geliebten. Es ist schwer zu beurtheilen, ob in dem Plane des Vf. ein solcher Ausgang möglich war. Allein in dem Charakter selbst, so wie er entwickelt ist scheint keine Unmöglichkeit zu liegen. Wenn er auf dem Wege fortgieng, auf dem er war, wenn er, endlich an aller Menschenwürde und Menschenkraft verzweifelnd, sich einem völligen Unglauben, einer alles verachtenden Härte überliess; so mussten gerade durch diess Uebergewicht der entgegengesetzten Gefühle jene sanfteren und natürlicheren nach eben dem Gesetz von selbst wieder lebhaft werden, nach welchem jede Kraft gerade dann am regsamsten wird, wenn ihr der gänzliche Untergang droht. Je schrecklicher die Einöde war, in welche Woldemars Seele sich um-[1.309] geschaffen fühlte, desto mächtiger musste die leiseste Regung dieser Empfindungen wirken; der Rückweg war nun schneller als die Verirrung; und Woldemar kehrte so durch sich selbst zum Glauben an Tugend und Menschheit, und mit ihm zum Glauben an Henrietten zurück. Aber er dankte seine Rettung nicht minder dem Gefühle der Liebe; Vertrauen auf Liebe trat nicht minder an die Stelle des stolzeren Selbstvertrauens; der Sieg der Liebe war vielmehr um so grösser, wenn sie nicht Henriettens Wort, wenn sie nur ihr Andenken, nur was Henriette in Woldemars Seele gestiftet hatte, zu Hülfe zu rufen brauchte. Die einzelnen Rollen sind mit grosser Zweckmässigkeit unter die auftretenden Personen vertheilt, und die Charaktere mit vieler Kunst gezeichnet und durchgeführt. Der wichtigste ist Woldemar selbst. Von diesem ist aber schon in dem Versuche geredet worden, den wir oben gemacht haben, einen Abriss der ganzen Schrift zu liefern, und zwar einen Abriss, der gerade ihre Eigenthümlichkeiten, und nur diese darstellte, und gerade demjenigen Leser vielleicht am meisten willkommen wäre, der das Werk selbst schon gelesen hätte. Henriette ist zu genau mit Woldemar verbunden, als dass dadurch nicht zugleich auch die Schilderung ihres Charakters hinlänglich geprüft wäre. Indess ist dieser fast unter allen der schwierigste, aber auch vor allen mit feiner Kunst behandelt. In den Lagen, in welche sie durch Woldemar versetzt wird, kann es nicht fehlen, dass man nicht hie und da einen Augenblick die ganze, volle Weiblichkeit in ihr vermissen sollte. Wir erinnern hier an ihre eigne Weigerung, sich mit Woldemar zu verbinden, an die Gespräche, die länger, raisonnirender, belehrender sind, als wir sie von der Anspruchlosigkeit der Frauen erwarten. Allein bei genauerer Untersuchung entdeckt sich, dass gerade, was hier minder weiblich erscheint, sich durch die höchste Weiblichkeit auflöst. Nur um ihren Freund ihrer Freundin zu schenken, thut sie selbst Verzicht auf ihn; nur aus der höchsten Liebe zu ihm, einer Liebe, die beide Wesen in ihrem ganzen Daseyn zusammenschmelzt, folgt sie ihm in dem ihm nun einmal eigenthümlichen Ideengange; nur an dem letzten Gespräch, in dem es Woldemars Rettung gilt, nimmt sie einen lebhaften und mehr thätigen Antheil. Von Allwina ist schon im Vorigen gesprochen. Auch die übrigen Personen sind mit Bestimmtheit und Sorgfalt gezeichnet, und aller Gleichheit ungeachtet, welche Freundschaft und gemeinschaftliches Leben ihnen gegeben hat, unterscheidet sich der redliche, aber so leicht [1.310] ängstlich besorgte Biderthal sehr merklich von dem kühneren, mehr raisonnirenden Dorenburg. In der Schilderung des alten Hornich liegt eine eigne Natur und Wahrheit, und es gehörte viel Kunst der Behandlung dazu, einen Charakter, der so manche wirkliche Härten hat, dennoch bis auf einen gewissen Grad liebenswürdig erscheinen zu lassen. — So wenig sich auch die Sprache des Vf. in ihrer Eigenthümlichkeit mit wenigen Worten charakterisiren lässt, so ist sie dennoch zu eindringend und schön, um sie ganz zu übergehen. Vorzüglich glücklich ist er in dem, was gerade andern so selten gelingt, in Schilderungen hoher und zarter Seelenstimmungen, wovon wir unter so vielen nur folgende wenige Th. 1. S. 39. 40. S. 186—190. Th. 2. S. 17—19. S. 46. 47.ff. zu Beweisen anführen wollen.
Gleichsam als bald längere, bald kürzere Episoden sind in diese Schrift theils eine Menge treflicher psychologischer Bemerkungen, theils interessante Raisonnements über wichtige Gegenstände aus dem Gebiete der Philosophie des Lebens verwebt. Vorzüglich unter den letzteren zeichnen sich Th. 1. S. 24. u. 40. über Freundschaft und Liebe; S. 51—63. über die Wahl der Gesellschaft; S. 80—103. über das Uebermaass in Pracht und Einfachheit; Th. 2. S. 37—46. über das weibliche Geschlecht, und mehrere andre aus. In dem letzten ausführlichen Gespräch über Tugend und Moralität giebt der Vf. zugleich (Th. 2. S. 210—244. u. Beil. S. 285—294.) einen körnigten Auszug aus der Moral des Aristoteles, der das Gedankensystem des Stagiriten in bündiger Kürze und mit philosophischer Präcision darstellt, und den wir ebensowenig als die vortrefliche Uebersetzung eines schönen Stücks aus dem Plutarch xii) (Th. 2. S. 178—205.) unerwähnt lassen können. Dass endlich die gegenwärtige Schrift eine Vollendung einiger schon vor mehreren Jahren erschienenen Fragmente ist, wird für den grössten Theil der Leser nicht erst einer Erwähnung bedürfen.
Bemerkungen zur Entstehungsgeschichte
Erster Druck: Allgemeine Literaturzeitung vom Jahre 1794 3, 801–807 (Nr. 315, 26. September). 809–816 (Nr. 316, 27. September). 817–821 (Nr. 317, 27. September).
Am 31. Januar 1794 sandte Jacobi an Humboldt seine eben fertig gewordene neue Bearbeitung des Woldemar und knüpfte damit den seit langer Zeit abgerissenen Faden ihrer freundschaftlichen Beziehungen wieder an ( Jacobis auserlesener Briefwechsel 2, 141 ); am 1. März kam die Sendung in Jena in Humboldts Hände (Tagebuch). Als dieser kurze Zeit darauf von Schütz und Hufeland zur Mitarbeiterschaft an der Allgemeinen Literaturzeitung aufgefordert wurde, nahm er es unter der Bedingung an, nur wenige und ihm selbst interessante Bücher besprechen zu wollen, und erbot sich zu einer Rezension des Jacobischen Romans, ohne die Schwierigkeit der Aufgabe in seiner Situation zu verkennen. Bei der Herzlichkeit seiner persönlichen Beziehungen zu dem Verfasser und Jacobis Empfindlichkeit konnte er, der den Roman als Kunstwerk nicht hoch schätzte und für eine mißglückte Nachahmung Goethes hielt (an Körner, 10. Dezember 1794), seine wahre Meinung über das Ganze nur sehr schonend zum Ausdruck bringen und mußte sich daher an eine Paraphrase des philosophischen Inhalts und eine psychologische Zergliederung der Charaktere halten, auch hier stets besorgt der Eigenliebe des Autors nicht zu nahe zu treten. Es ist daher erklärlich, daß ihm die Arbeit fatal und äußerst mühevoll erschien und er selbst mit dem Inhalt und besonders der Diktion unzufrieden war (an Brinkmann, 14. September und 3. November 1794; an Schiller, 14. September 1795). Um ganz sicher zu gehen, schickte er die Rezension vor dem Abdruck im Manuskript am 25. August an Jacobi zur Begutachtung (Tagebuch), der sie umgehend am 2. September höchst befriedigt zurücksandte und in seinem Begleitbriefe noch genauer auf einzelne Punkte aus der Psychologie seiner Personen zu sprechen kam ( Jacobis auserlesener Briefwechsel 2, 174 ). Ende des Monats erschien sie dann gedruckt. Als zwei Jahre später Friedrich Schlegel seine vernichtende Rezension über den Woldemar schrieb, meinte Humboldt dadurch ärger mitgenommen zu sein als Jacobi selbst (an Jacobi, 23. Januar 1797), bekannte aber unverhohlen sein volles Einverständnis damit (an Brinkmann, 9. Dezember 1796). Von Schiller ist keine Beurteilung der Rezension bekannt; Goethe, dem Humboldt ein Exemplar übersandt hatte, sprach sich gegen Schiller und Jacobi anerkennend aus ( Briefe 10, 201. 206 ). Ob eine scharfe Äußerung Friedrich Schlegels sich auf die Rezension bezieht, ist fraglich ( Briefe an seinen Bruder August Wilhelm S. 211; vgl. auch S. 288). Äußerst charakteristisch ist der ausführliche Gedankenaustausch über Humboldts Kritik im Briefwechsel zwischen Rahel und David Veit (1, 272. 2, 5. 11. 17. 21. 40. 51).
Anmerkungen
- Woldemar 1, XVI. ↩
- Woldemar 2, 163. 205. ↩
- Woldemar 2, 171. ↩
- Woldemar 2, 38. ↩
- Woldemar1, 170. ↩
- Vgl. die mit S. 246a beginnenden Darlegungen im Phaidros. ↩
- Dieser Satz ist kein Zitat aus Woldemar. ↩
- Woldemar 2, 281. ↩
-
Wörtlich lautet dort die Definition: Ich nenne Instinkt diejenige Energie, welche die Art und Weise der Selbsttätigkeit, womit jede Gattung lebendiger Naturen als die Handlung ihres eigentümlichen Daseins selbst anfangend und alleintätig fortsetzend gedacht werden muß, ursprünglich (ohne Hinsicht auf noch nicht erfahrene Lust und Unlust) bestimmt.↩
- Über die Lehre des Spinoza S. XLIII. ↩
- Vgl. Jacobis eigene Auseinandersetzung der ethischen Prinzipien des Aristoteles im Woldemar 2, 242. ↩
- Jacobi giebt dort einen knappen Auszug aus den Biographieen des Agis und Kleomenes. ↩