Plan einer vergleichenden Anthropologie
1.
Wie man in der vergleichenden Anatomie die Beschaffenheit des menschlichen Körpers durch die Untersuchung des thierischen erläutert; ebenso kann man in einer vergleichenden Anthropologie die Eigenthümlichkeiten des moralischen Charakters der verschiedenen Menschengattungen neben einander aufstellen und vergleichend beurtheilen.
Geschichtschreiber, Biographen, Reisebeschreiber, Dichter, Schriftsteller aller Art, selbst den speculativen Philosophen nicht ausgenommen, enthalten Data zu dieser Wissenschaft. Auf Reisen, wie zu Hause, im geschäftigen, wie im müssigen Leben bietet sich überall die Gelegenheit dar, sie zu bereichern und zu benutzen, und unter allen Studien ist kein anderes in so hohem Grade unser beständiger Begleiter, als das Studium des Menschen. Es kommt nur darauf an, den reichen Stoff, den das ganze Leben hergiebt, zu sammeln, zu sichten, zu ordnen und zu verarbeiten.
Diess zu thun ist die vergleichende Anthropologie bestimmt, welche, indem sie sich auf die allgemeine stützt, und den Gattungs-Charakter des Menschen als bekannt voraussetzt, nur seine individuellen Verschiedenheiten aufsucht, die bloss zufälligen und vorübergehenden von den wesentlichen und bleibenden absondert, die Beschaffenheit dieser erforscht, ihren Ursachen nachspürt, ihren Werth beurtheilt, die Art sie zu behandeln bestimmt, und den Fortgang ihrer Entwicklung vorhersagt.
2. Wichtigkeit dieser Untersuchungen
Es giebt kein praktisches Geschäft im menschlichen Leben, das nicht der Kenntniss des Menschen bedürfte, und zwar nicht bloss des allgemeinen, philosophisch gedachten, sondern des individuellen, wie er vor unsern Augen erscheint. Es ist schwer bei der Erwerbung dieser Kenntniss den doppelten Fehler zu vermeiden, sich weder einen zu unbestimmten und allgemeinen, noch auch einen zu particulairen Begriff von dem Individuum zu bilden; es weder zu sehr bloss nach seinen möglichen Anlagen, noch zu sehr mit allen bloss zufälligen Beschränkungen zu betrachten. Durch den ersteren beraubt gewöhnlich der bloss speculirende Philosoph seine Grundsätze ihrer praktischen Anwendbarkeit; durch den letzteren der blosse Geschäftsmann seine Einrichtungen ihrer längeren Dauer und ihres wohlthätigen Einflusses auf die Aufklärung und den innern Charakter.
Um zugleich den Menschen mit Genauigkeit zu kennen, wie er ist, und mit Freiheit zu beurtheilen, wozu er sich entwickeln kann, müssen der praktische Beobachtungssinn und der philosophirende Geist gemeinschaftlich thätig seyn. Diese Verbindung aber wird beträchtlich erleichtert, wenn die individuelle Charakterkenntniss in einer vergleichenden Anthropologie zu einem Gegenstände des wissenschaftlichen Nachdenkens erhoben wird, und wenn man in derselben von den Eigenthümlichkeiten verschiedener Menschenclassen, und dem gewöhnlichen Einfluss äusserer Lagen auf den innern Charakter bestimmte und getreue Schilderungen antrift. Der allgemeine Typus, den sie angiebt, kann alsdann mit Hülfe eigner Erfahrung weiter ausgezeichnet; in der Sphäre, welche sie einem Charakter überhaupt als möglich anweist, kann die Stelle bestimmt werden, welche er in dem jedesmaligen Moment wirklich einnimmt.
Der Gesetzgeber, hat man immer gesagt, muss seine Nation, ihren Geist und ihre Gesinnung studirt haben, wenn er mit Fortgang auf sie einwirken will. Wie aber ist es möglich den Charakter Einer Nation vollständig zu kennen, ohne nicht zugleich auch die andern erforscht zu haben, mit welchen jene in den nächsten Beziehungen steht, durch deren contrastirendei) Verschiedenheit er theils wirklich entstanden ist, theils allein voll-[1.379] kommen begriffen werden kann? und wie ist es erlaubt, auf einen individuellen Charakter einzuwirken, ohne darüber nachgedacht zu haben, inwiefern Charakterverschiedenheiten überhaupt möglich? inwiefern mit den Foderungen einer freien und allgemeinen Ausbildung verträglich? oder gar politische oder moralisch nothwendig sind?
Um einzelnen Zügen gleichsam gewisse Kunstgriffe der Regierungskunst abzulernen, um einzusehen, dass man den Franzosen nicht pedantisch, den Engländer nicht sichtbar despotisch behandeln muss, bedarf es freilich so grosser Zurüstungen nicht. Mittel die empfindlichen Stellen des menschlichen Charakters zu schonen, und seine Schwächen zu benutzen, giebt auch eine oberflächliche Beobachtung leicht an die Hand.
Aber es soll etwas ganz andres geschehen. Die individuellen Charaktere sollen so ausgebildet werden, dass sie eigenthümlich bleiben, ohne einseitig zu werden, dass sie der Erfüllung der allgemeinen Foderungen an allgemeine idealischeii) Vortreflichkeit keine Hindernisse in den Weg legen, nicht bloss durch Fehler und Extreme eigenthümlich sind, aber dagegen ihre wesentlichen Gränzen nicht überschreiten, und in sich consequent bleiben. In dieser innern Consequenz und äussern Congruenz mit dem Ideal sollen alsdann alle gemeinschaftlich zusammenwirken.
Denn nur gesellschaftlich kann die Menschheit ihren höchsten Gipfel erreichen, und sie bedarf der Vereinigung vieler nicht bloss um durch blosse Vermehrung der Kräfte grössere und dauerhaftere Werke hervorzubringen, sondern auch vorzüglich um durch grössere Mannigfaltigkeit der Anlagen ihre Natur in ihrem wahren Reichthum und ihrer ganzen Ausdehnung zu zeigen. Ein Mensch ist nur immer für Eine Form, für Einen Charakter geschaffen, ebenso eine Classe der Menschen. Das Ideal der Menschheit aber stellt soviele und mannigfaltige Formen dar, als nur immer mit einander verträglich sind. Daher kann es nie anders, als in der Totalität der Individuen erscheinen.
Man nehme in Gedanken aus der Reihe der Europäischen Nationen eine hinweg, die keinen im Ganzen sehr beträchtlichen Antheil an der Kultur und den Fortschritten dieses Welttheils genommen hat, und nicht einmal ein eigner Stamm, nur ein Zweig einer andern Nation ist, ich meyne die Schweizerische, und es würde auf einmal in dem kultivirten, üppigen, von der ersten [1.380] Einfachheit der Natur so weit entfernten Europa an einem Volke fehlen, das noch mitten unter unähnlichen Nachbarn eine vergleichungsweise so grosse Einfalt der Sitten besitzt, die Zahl seiner Bedürfnisse auf so wenige beschränkt, sich mit einem so dürftigen Vorrath von Mitteln und mit Verfassungen behilft, wie sie sonst nur die Kindheit der Nationen zeigt.
Wir haben mit Fleiss den schweitzerischen Charakter zum Beispiel gewählt, der wenigstens zum Theil der Natur so nah verwandt ist, dass niemand seine Eigenthümlichkeiten anders als mit innigem Mitgefühl untergehn sehen könnte. Denn sonst ist nicht freilich gleich jede Verschiedenheit des Aufbewahrens werth, und seltner gerade ist diess eine nationelle, die durch die Verbindung so vieler bloss zufälliger Umstände entspringt.
Aber gerade weil nicht jede Varietät empfehlungswürdig, ja viele sogar tadelhaft sind, und es doch (um nur diess Eine hier in Betrachtung zu ziehen) schon physisch unmöglich ist, die Menschen auf Einmal und gänzlich aus ihrem gewohnten Gleise herauszuheben, ihre Individualität zu vernichten und sie zu andern Menschen zu machen, muss man ihre Verschiedenheiten studiren, und was sich aus ihnen entwickeln lässt, überschlagen.
Der Mensch soll seinen Charakter, den er einmal durch die Natur und die Lage empfangen hat, beibehalten, nur in ihm bewegt er sich leicht, ist er thätig und glücklich. Darum soll er aber nicht minder die allgemeinen Foderungen der Menschheit befriedigen und seiner geistigen Ausbildung keinerlei Schranken setzen. Diese beiden einander widersprechenden Foderungen mit einander verbinden und beide Aufgaben zugleich lösen soll der praktische Menschenkenner, und wie kann er in diesem Geschäfte glücklich seyn, ohne die allgemeinen möglichen Verschiedenheiten der menschlichen Natur, und die allgemeinen Verhältnisse einzelner Eigenthümlichkeiten zum Ideal der Gattung sorgfältig erforscht zu haben?
Den Menschen zu bilden ist aber nicht bloss der Erzieher, der Religionslehrer, der Gesetzgeber bestimmt. So wie jeder Mensch neben allem, was er noch sonst seyn kann, zugleich immer noch Mensch ist, so hat er auch die Obliegenheit auf sich, neben allen Geschäften, die er sonst immer betreiben mag, zugleich auf die intellectuelle und moralische Bildung seiner und andrer praktische Rücksicht zu nehmen.
Es ist das allgemeine Gesetz, das die Vernunft aller Gemein-[1.381] schaft der Menschen unter einander unnachlasslich vorschreibt: ihre Moralität und ihre Cultur gegenseitig zu achten, nie nachtheilig auf sie einzuwirken, aber sie, wo es geschehen kann, zu reinigen und zu erhöhen. Die Stärke der Verbindlichkeit hiezu bei einzelnen bestimmten Geschäften wächst nun mit dem Grade ihres Einflusses auf den Geist und den Charakter, und wo ihr vollkommen ein Genüge geleistet werden soll, da muss ebensosehr auf die individuelle Charakterform, als auf die allgemeine gesehen werden.
Am wenigsten kann sich von dieser Verpflichtung der Gesetzgeber lossagen, da er die grösseste und gefährlichste Macht in Händen hat, auf die Menschen zu wirken. Die ganze Politik, vorzüglich die innere, wird dadurch einem Gesichtspunkte untergeordnet, der ihr an sich eigentlich fremd ist. Denn da sie für sich eigentlich nichts anders zu thun hat, als nur die Aufgabe zu lösen, wie der letzte Zweck aller bürgerlichen Vereinigung, die Sicherheit der Person und des Eigenthums am kürzesten und gewissesten erhalten werden kann? so muss sie nun bei jeder Veranstaltung, die sie vorschlägt, erst nach dem Einflusse fragen, welchen dieselbe auf den Charakter der Bürger, als Menschen, ausüben wird? und jede erst nach diesem Maassstabe prüfen. Da noch überdiess beide Gesichtspunkte fast überall auf ganz entgegengesetzte Resultate führen müssen, der rein politische auf Zwang, der erweiterte moralische auf Freiheit, so wird es ihr schwierigstes Geschäft seyn, diese beiden streitenden Foderungen mit einander zu vereinigen, und diese Schwierigkeit wird dadurch noch grösser, dass sie, sobald von einer Anwendung die Rede ist, einen individuellen Charakter zu schonen und zu leiten, also noch mehr particulaire Umstände in Acht zu nehmen hat.
Die gewöhnliche Theorie über diesen Gegenstand ist grossen Misbräuchen ausgesetzt. Sie lehrt den Gesetzgeber, die Eigenthümlichkeiten zu benutzen, um die Nation dadurch leichter zu lenken und zu beherrschen. Aber wie leicht führt dieser bloss politische Gesichtspunkt, ohne die höheren moralischen, in die Gefahr, auch offenbare Schwächen und Blössen absichtlich zu unterhalten.
Eine neue Schwierigkeit mehr findet der Staatsmann der neueren Zeit, wo mehrere Nationen nicht nur, wie auch vormals oft, unter Einem Scepter vereinigt sind, sondern auch im genauesten Verstande als Eine Masse wirken sollen. Soll diess mit [1.382] vollkommener Präcision und Schnelligkeit geschehen, so wäre es unstreitig besser die Verschiedenheiten der einzelnen Stoffe aufzuheben, Sprache, Sitten, Meynungen u. s. w. gleich zu machen. Aber ist diess ohne Verlust an Eigenthümlichkeit, und folglich zugleich an Selbstthätigkeit und Energie möglich, und welchen dieser beiden Vorzüge soll er nun dem andern aufopfern? Stellt er diese Untersuchung mit dem Geiste an, der weder die Würde des individuellen Charakters, noch den unläugbaren Nutzen grosser Staaten und Massen von Menschen verkennt, so wird er sie gar bald verlassen, und sich lieber zu der Aufgabe wenden, beide Vorzüge mit einander zu vereinigen. Die Auflösung dieser aber kann er sich nur noch allenfalls von dem genauesten Studium der wirklichen Individualität der Subjecte, die er zu behandeln hat, versprechen.
Die Religion scheint am wenigsten Einfluss von der Eigenthümlichkeit ihrer Bekenner leiden zu dürfen. Sie lehrt Wahrheit und die Wahrheit ist durchaus objectiv und allgemein. Dennoch ist gerade bei ihr die Sorgfalt, sie immer und Schritt vor Schritt die Umänderungen des Geistes begleiten zu lassen, am meisten nothwendig, wenn die doppelte Gefahr eines drückenden Gewissenszwanges, oder religiöser Gleichgültigkeit vermieden werden soll.
Die übrigen Geschäfte des Lebens haben selten einen nahen und grossen Einfluss auf die innre Individualität. Es ist hinreichend grobe Fehler zu vermeiden, um der Gefahr nachtheiliger Einwirkungen zu entgehen.
Desto mächtiger aber wirkt auf die eigenthümliche Charakterbildung der freie und alltägliche Umgang in engeren und weiteren Verbindungen: in der Ehe, der Freundschaft, kleineren und grösseren gesellschaftlichen Cirkeln. Die Kunst dieses Umgangs, wenn sie nicht, wie bisher immer geschehn ist, zu einem blossen Talent zu gefallen und zu gewinnen herabgewürdigt werden soll, beruht ganz und gar auf Charakterkenntniss und Charakterbildung.
Sie strebt zuerst jeden Umgang so wichtig für die Cultur und den Charakter zu machen, ihm soviel Seele zu geben, als nur immer möglich ist, dann aber noch in jedem die verschiedenen Individualitäten so einzeln zu stellen und in Massen zu gruppiren, dass sie dem Betrachter das Bild einer lehrreichen Mannigfaltigkeit geben, einander selbst aber durch ihre zweckmässige Berührung zugleich empfänglicher und eigenthümlicher machen. Beides will sie jedoch nicht anders, als unter der Bedingung einer voll-[1.383] kommenen Freiheit ausführen, mit gänzlicher Vermeidung alles Scheins von Absicht. Alles soll von selbst entstehn, alles Spiel und Erholung, nichts Ernst oder Geschäft seyn. Diess macht sie zur eigentlich schönen Kunst.
Die Grundlinien dieser Kunst zu entwerfen, wäre zugleich nützlich und unterhaltend, aber es könnte nur die Arbeit eines Mannes seyn, der einen grossen und vielseitigen eignen Charakter mit einer ausgebreiteten Kenntniss fremder Individualitäten verbände, und ebensoviel Gedanken- und Empfindungsgehalt besässe, ein enges Verhältniss interessant zu machen, als Leichtigkeit und Beweglichkeit, in den Cirkeln der grossen Welt eine Rolle zu spielen.
Gerade also zu dem, was als ein alltägliches Bedürfniss immer wiederkehrt, bedürfen wir am meisten einer individualisirenden Menschenkenntniss, und mit ihrer Hülfe können wir gerade die Stunden, die wir gewöhnlich leer und verloren achten, zu den inhaltvollsten unsres Lebens machen.
Der Erziehung ist im Vorigen nicht erwähnt worden. Es liegt zu sehr am Tage, wie unentbehrliche Vorarbeiten ihr Untersuchungen, wie die gegenwärtige seyn müssen. Andre Beziehungen sind der Kürze wegen übergangen. So muss z.B. der Arzt nothwendig auf den moralischen und gerade, da nur diesen ihm zu kennen wichtig seyn kann, auf den individuellen Charakter achten.
Die vergleichende Anthropologie ist daher zu einem doppelten Zweck und zu einem doppelten Geschäfte nützlich. Sie erleichtert die Kenntniss der Charaktere, und giebt zugleich eine philosophische Anleitung, ihren Werth zu beurtheilen, ihre ferneren Entwicklungen zu berechnen, und die Möglichkeit zu überschlagen, wie sie mit andern als ein Ganzes zusammenzuwirken fähig sind. Sie dient dem Geschäftsmann, der den Menschen benutzen und beherrschen will, und zugleich dem Erzieher und Philosophen, der ihn zu bessern und zu bilden bemüht ist.
Aber sie ist ausserdem die unterhaltendste Beschäftigung des menschlichen Geistes. Denn er findet in ihr 1. den erhabensten Gegenstand, den die Natur darbietet, am genauesten und vollständigsten geschildert; 2. eine Mannigfaltigkeit, die nicht bloss durch das bunte Farbenspiel des Gemähldes die Einbildungskraft und die Sinne vergnügt, sondern durch die Feinheit der Züge zugleich den Geist und die Empfindung bereichert, und die 3. immer zugleich so behandelt ist, dass nicht bloss jede einzelne Eigen-[1.384] thümlichkeit als ein Ganzes betrachtet, sondern auch alle zu einem Ganzen zusammengestellt werden.
3. Unmittelbarer Einfluss einer individuellen Menschenkenntniss auf die Charaktereigenthümlichkeit
Nicht genug, dass eine vergleichende Anthropologie die Verschiedenheit menschlicher Charaktere kennen lehrt; sie trägt auch selbst dazu bei, eine grössere hervorzubringen, und die schon wirklich vorhandene zweckmässiger zu leiten.
Ob das Erstere aber nun ein Vortheil zu nennen sey, oder ob nicht vielmehr eine noch grössere Mannigfaltigkeit der Charakterformen der allgemeinen Richtigkeit und der Objectivität der Kultur, des Geschmacks und der Sitten Hindernisse in den Weg lege? diess dürfte in den Augen der Meisten noch so ausgemacht nicht seyn. Alle Werke, welche der Mensch hervorbringt, gewinnen durch eine allgemeine und von Subjectivität Einzelner unabhängige Behandlung einen besseren Fortgang, und selbst die Arbeiten des Geistes können hievon nur in gewisser Rücksicht ausgenommen werden. Ebenso wird den Verfassungen und den praktischen Verhältnissen unter den Menschen Dauer und Sicherheit mehr durch Gleichförmigkeit der Sitten, als durch die unregelmässigeren Einwirkungen ungewöhnlicher Individuen verbürgt.
Dagegen hängt Kraft, Erfindungsgeist, Enthusiasmus von Originalität ab, und ohne ausserordentliche und eigen gewählte Bahnen des Geistes würde nie etwas Grosses entstanden seyn.
Ueberhaupt ist Verschiedenheit der Charakterformen, wenn sie auch sogar schädlich seyn sollte, dennoch einmal schlechterdings unvermeidlich, und die Frage ist bloss die, ob man dieselbe blindlings dem Zufall überlassen, oder durch vernünftige Leitung zur Eigenthümlichkeit umschaffen soll? Auf diese aber kann die Antwort unmöglich anders, als Eine seyn.
Die vergleichende Anthropologie sucht den Charakter ganzer Classen von Menschen auf, vorzüglich den der Nationen und der Zeiten. Diese Charaktere sind oft zufällig; sollen denn auch diese erhalten werden? soll der Philosoph, der Geschichtschreiber, der Dichter, der Mensch seinen Namen, seine Nation, sein Zeitalter, sein Individuum endlich sichtbar an sich tragen? — Allerdings, nur recht verstanden. Der Mensch soll alle Verhältnisse, in denen [1.385] er sich befindet, auf sich einwirken lassen, den Einfluss keines einzigen zurückweisen, aber den Einfluss aller aus sich heraus und nach objectiven Principien bearbeiten. So soll er seyn; wieviel er hernach hievon in den verschiedenen Gattungen seiner Thätigkeit zeige? hängt von den Erfordernissen dieser Gattung und der Natur seiner Individualität ab. Je mehr subjective Originalität er aber, dem objectiven Werthe des Werks unbeschadet, zeigen kann, desto besser.
Der Mensch kann wohl vielleicht in einzelnen Fällen und Perioden seines Lebens, nie aber im Ganzen Stoff genug sammeln. Je mehr Stoff er in Form, je mehr Mannigfaltigkeit in Einheit verwandelt, desto reicher, lebendiger, kraftvoller, fruchtbarer ist er. Eine solche Mannigfaltigkeit aber giebt ihm der Einfluss vielfältiger Verhältnisse. Je mehr er sich demselben öfnet, desto mehr neue Seiten werden in ihm angespielt, desto reger muss seine innere Thätigkeit seyn, dieselben einzeln auszubilden, und zusammen zu einem Ganzen zu verbinden. Das Zweckwidrige und Verderbliche ist bloss das unthätige Hingeben an einen einzelnen. Daraus entstehen die plumpen National- und Familiencharaktere, die uns in der Wirklichkeit unaufhörlich begegnen; daran aber ist die innere Schlaffheit und Trägheit, nicht die äussere Mannigfaltigkeit Schuld. Nach der Anleitung einer richtigen Bildungstheorie wird kein Mitglied einer Nation dem andern so auffallend ähnlich sehen; der National Charakter wird sich in allen Einzelnen spiegeln, aber gerade weil er in jedem durch den Einfluss aller übrigen Verhältnisse, und vorzüglich durch die prüfende und richtende Vernunft gemildert wird, so wird er im Ganzen nicht so plump und handgreiflich, dagegen reiner, eigenthümlicher, feiner und vielseitiger erscheinen.
Der Mensch ist allein genommen schwach, und vermag durch seine eigne kurzdauernde Kraft nur wenig. Er bedarf einer Höhe, auf die er sich stellen; einer Masse, die für ihn gelten; einer Reihe, an die er sich anschliessen kann. Diesen Vortheil erlangt er aber unfehlbar, je mehr er den Geist seiner Nation, seines Geschlechts, seines Zeitalters auf sich fortpflanzt. Was war ein Römer schon allein dadurch, dass Rom ihn gebohren hatte? Was ein Scipio dadurch, dass er aus dem Geschlecht der Kornelier stammte? Was sind die neueren Dichter schon einzig dadurch, dass sie den ganzen Reichthum Griechischer Dichtkunst als ihr Eigenthum behandeln, und sich auf einmal zu einer solchen Höhe emporschwingen?
[1.386]Aber von der subjectiven Kenntniss der Natur zu ihrer objectiven Beschaffenheit scheint ein mächtiger Sprung zu seyn. Wie kann die Erweiterung und Verfeinerung der ersteren unmittelbar die Veredlung der letzteren befördern? — Unläugbar dadurch, dass beides: das Beobachtende und das Beobachtete hier der Mensch ist, dass dieser sich überall, selbst ohne es immer zu bemerken, seiner inneren Geistesform anpasst, und dass die Masse herrschender Begriffe sich immer endlich auf eine uns selbst oft unbegreifliche Weise, nicht bloss den Menschen, sondern sogar die todte Natur unterwirft.
Dass eine erweiterte Kenntniss der Charaktereigenthümlichkeit Charaktere richtiger beurtheilen, und zweckmässigere Methoden ihrer Behandlung auffinden lehrt, versteht sich hiebei von selbst. Aber auch bloss dadurch, dass man feinere Nüancen in dem Charakter entdeckt, modificirt sich derselbe in der That auf eine mannigfaltigere Weise; dadurch dass man einzelne Gattungen studirt und ihre Formen so individuell, als sie sind, und so idealisch, als sie werden können, aufstellt, entwickeln sie sich wirklich reiner und bestimmter.
Der Charakter entsteht nicht anders, als durch das beständige Einwirken der Thätigkeit der Gedanken und Empfindungen. Dadurch dass diese gewisse Anlagen unaufhörlich, und andere niemals oder selten beschäftigen, werden die einen entwickelt und die andern unterdrückt, und so geht nach und nach die bestimmte Charakterform hervor. Durch diese durchgängige Correspondenz unsrer Art zu seyn und unsrer Art zu urtheilen, unsrer praktischen und unsrer theoretischen Beschaffenheit wird es uns möglich, bloss durch die Idee und von unserm Geiste aus thätig und praktisch auf uns einzuwirken. Man kann nichts durch den Verstand begreifen, was nicht auf irgend eine Weise in dem Gebiet der Sinne und der Empfindung angespielt ist; aber man kann auch nichts in sein Wesen aufnehmen, was nicht durch Begriffe einigermaassen vorbereitet ist. Man kann nicht einsehen, wofür man keinen Sinn hat, wozu der Stoff mangelt; aber man kann auch nichts seyn, wovon man gar keinen Begriff hat, wozu die Form fehlt.
Die Achtsamkeit auf das Charakteristische leistet aber noch mehr. Einestheils nimmt sie jeden Gegenstand zuerst und vorzüglich in seiner Beziehung auf das innere Wesen; anderntheils weckt sie den Charakter und erregt seine Thätigkeit. Sobald aber [1.387] einmal der Charakter erwacht ist, so eignet er sich von allen Dingen, die auf ihn einwirken, immer von selbst nur das an, was ihm homogen ist; von allen Seiten her wird also Stoff und Nahrung auf einen einzigen Punkt hin zusammengetragen. Man sieht diess sehr deutlich an Charakteren, die von Natur heftig, leidenschaftlich und einseitig sind. Von diesen pflegt man mit Recht zu sagen, dass sie überall nur sich sehen, in alles nur sich hinüber tragen; darum wächst auch ihre Einseitigkeit mit so verdoppelten Fortschritten. Der Fehler liegt aber bei ihnen nicht daran, dass ihre Individualität zu rege wäre, sondern nur daran, dass sie es durch Leidenschaft und Naturanlage wird. Würde sie aber durch eine Stimmung des Geistes rege gemacht, durch das Streben, überall eine schöne Individualität zu zeigen, so würde der Erfolg ganz und gar ein andrer seyn. Ein solcher Mensch würde gleichfalls alles charakteristisch auf sich einwirken lassen, und charakteristisch behandeln. Aber er würde dasjenige, was ihm heterogen wäre, nicht übersehen noch wegwerfen, sondern nur auf seine Weise und zu seinen Zwecken benutzen; er würde jeden Gegenstand durchaus objectiv und wie der Unbefangenste aufnehmen, der ganze, aber freilich wichtige Unterschied würde nur in dem Grade und der Art der Aneignung liegen. Der Contrast einiger auswärtigen Nationen mit der Deutschen zeigt diess sehr deutlich. Franzosen und Engländer gehen in auffallend bestimmten Charakterformen fort; aber sie behandeln auch sehr häufig die Welt um sich her nur auf ihre einseitige Weise, und verfehlen Wahrheit und Objectivität.
Vorzüglich aber bildet sich der Charakter gesellschaftlich zur Reinheit und Bestimmtheit aus, wenn er mit reinen und bestimmten Charakteren in Verbindung kommt. Es ist nicht die Aehnlichkeit allein, zu welcher sich einer dem andern anartet, es ist auch der Kontrast, in welchem sie sich einander entgegensetzen. Denn der moralischen, wie der physischen Organisation ist ein assimilirender Bildungstrieb eigen, der aber, sobald nur der eigne Charakter erst einige Bestimmtheit erlangt hat, nicht geradezu auf Aehnlichkeit, sondern auf eine verhältnissmässige Stellung der beiderseitigen Individualitäten gegen einander herausgeht. So wird der männliche Charakter reiner und männlicher, wenn ihm der weibliche gegenübergestellt ist, und umgekehrt. Uebrigens aber bemerkt man diese Eigenthümlichkeit freilich mehr bei einzelnen Individuen, als ganzen Gattungen. Vorzüglich wird sie noch bei [1.388] Charakteren von Nationen vermisst, die im Verkehr unter einander noch immer mehr ihre Originalität entweder übertreiben oder aufgeben als zweckmässig bestimmen und bilden. Selbst die äussre Gesichtsbildung erfährt einigermaassen diesen Einfluss, wie z. B. die gewiss nicht chimärische Aehnlichkeit von verheiratheten Personen unter einander beweist. Wenn aber einmal Ein Schritt geschehen ist, so folgen die übrigen mit unglaublicher Leichtigkeit nach. Denn nichts wirkt so lebendig rund um sich her, als die menschliche Individualität. Vorzüglich wirkt in dieser Hinsicht die Abstammung, welche dasjenige, was bisher erworben ist, dem neuen Individuum als fertige Anlage überliefert, und so jedesmal das in ein sichres Eigenthum verwandelt, was solange nur ein minder sichrer Besitz schien.
Das Studium der Charaktere in ihrer Individualität vermehrt also diese letztere selbst. Dass aber von dieser, von der Mannigfaltigkeit der Charakterformen die Veredlung der Gattungen abhängt, davon ist auch ausser der menschlichen Natur ein merkwürdiges Beispiel vorhanden — das bekannte Phänomen nemlich, dass die Hausthiere mehr Rassen, mehr Varietäten, und endlich auch mehr individuelle Merkmale zeigen, als alle übrige Thiergattungen.
4. Zweck und Verfahren der vergleichenden Anthropologie im Allgemeinen. — Gefahr eines möglichen Misbrauchs
Das Bestreben der vergleichenden Anthropologie geht dahin, die mögliche Verschiedenheit der menschlichen Natur in ihrer Idealität auszumessen; oder, was dasselbe ist, zu untersuchen, wie das menschliche Ideal, dem niemals Ein Individuum adäquat ist, durch viele dargestellt werden kann.
Was sie sucht, ist also kein Gegenstand der Natur, sondern etwas Unbedingtes, — Ideale, die aber auf Individuen, auf empirische Objecte so bezogen werden, dass man sie als das Ziel ansieht, dem diese sich nähern sollen.
Könnte sie diesen Zweck erreichen, ohne zu der Beobachtung der wirklichen Natur herabzusteigen, so würde sie eine rein philosophische und speculative Wissenschaft bleiben. Und in gewissem Verstande kann sie diess in der That. Sie kann bloss bei dem [1.389] allgemeinen Ideale des Menschen stehen bleiben; sie kann dasselbe nach seinen einzelnen Seiten zerlegen, und aus diesen einzelnen Virtuositäten einzelne idealische Gestalten bilden, in welchen sich um dieselben, als um die herrschenden Züge, die übrigen Eigenschaften, deren der vollkommen ausgebildete Mensch nicht entbehren kann, in gehöriger Unterordnung herum versammeln. In dem Ideale des Menschen findet sich z. B. Sinn für Schönheit und Streben nach Wahrheit, beide für sich in hoher Stärke, und gegeneinander in vollkommnem Gleichgewicht. Man zerlege diese beiden Tendenzen, mache jede zum Grundzug einer besondern Individualität, ergänze von diesem Gesichtspunkte aus die übrige Gestalt, und man erhält, ohne irgend eine specielle Erfahrung zu bedürfen, die reinen Charaktere des Künstlers und des Philosophen.
Aber um jene oben aufgestellte Foderung ganz zu erfüllen, muss die vergleichende Anthropologie sich nothwendig an eine strenge Beobachtung der Wirklichkeit gewöhnen, und sogar durchaus überall von dieser zuerst ausgehn. Denn
1. würde jenes mehr speculative Verfahren eine überaus nachtheilige Dürftigkeit, sowohl in der Mannigfaltigkeit aller Formen, als in der Bestimmtheit jeder einzelnen mit sich führen. Auch mit der glücklichsten Anstrengung würde es nicht möglich seyn, von da aus in eine nur irgend grosse Individualität herabzusteigen.
2. bedarf die Aufstellung des Ideales selbst einer gewissenhaften Beobachtung der Wirklichkeit. Denn diess Ideal ist nichts anders, als die nach allen Richtungen hin erweiterte, von allen beschränkenden Hindernissen befreite Natur.
3. leidet sie nur dann, wenn sie sich unmittelbar an die empirische Beobachtung hält, praktische Anwendung auf das wirkliche Leben, da sie sonst vergebens hohe Ideale aufstellen würde, wenn es ihr an Mitteln fehlte, dieselben an die Wirklichkeit anzuknüpfen.
Der Mensch entwickelt sich nur nach Maassgabe der physischen Dinge, die ihn umgeben. Umstände und Ereignisse, die auf den ersten Anblick seinem Innern völlig heterogen sind, Klima, Boden, Lebensunterhalt, äussere Einrichtungen u. s. f. bringen in ihm neue, und oft die feinsten und höchsten moralischen Erscheinungen hervor. Durch ein physisches Mittel, durch Zeugung und Abstammung, wird die einmal erworbene moralische Natur übertragen und fortgepflanzt, und dadurch nehmen die intellectuellen und moralischen Fortschritte, die sonst vielleicht vorübergehend [1.390] und wechselnd seyn würden, gewissermaassen an der Stätigkeit und der Dauer der Natur Theil. Die physische Beschaffenheit des Menschen spielt daher bei der Bildung seines Charakters eine in jeder Rücksicht bedeutende Rolle.
Noch deutlicher, als bei einzelnen Individuen, ist diess bei der Betrachtung des ganzen Menschengeschlechts. Grosse Massen, Stämme und Nationen, behalten Jahrhunderte hindurch einen gemeinsamen Charakter, und selbst, wo derselbe grosse Veränderungen erleidet, sind noch die Spuren seines Ursprungs sichtbar. Gleiche Ursachen bringen durch alle Zeiten hindurch gleiche Wirkungen hervor, und durchaus wird man daher im Ganzen ziemlich dieselben Resultate ähnlicher Kräfte finden, denselben Einfluss der äusseren Lagen, dasselbe Spiel der Leidenschaften, dieselbe Macht des Guten und Wahren, mit dem es aus dem verworrensten Gewebe von Begebenheiten und in den mannigfaltigsten Gestalten hervorgeht. Ueberall verrathen die Handlungen der Einzelnen eine eigenmächtige Willkühr der Neigung, indess die Schicksale der Masse das unverkennbare Gepräge der Natur an sich tragen. Wieviel bestimmter und klarer noch würden wir diess einsehen, wenn wir uns nicht immer nur auf einen so kurzen Zeitraum berufen müssten, und auch bei diesem nicht so oft durch die Unvollständigkeit unsrer Kenntniss aufgehalten würden.
Dadurch nun wird die vergleichende Anthropologie genöthigt, nicht bloss von der Erfahrung auszugehen, sondern sich so tief als möglich in dieselbe zu versenken. Sie muss die bleibenden Charaktere der Geschlechter, Alter, Temperamente, Nationen u. s. w. eben so sorgfältig aufsuchen, als der Naturforscher bemüht ist, die Racen und Varietäten der Thierwelt zu bestimmen. Ob es ihr gleich eigentlich und an sich durchaus nur darauf ankommt, zu wissen, wie verschieden der idealische Mensch seyn kann, muss sie den Anschein annehmen, als wäre es ihr darum zu thun, zu bestimmen, wie verschieden der individuelle Mensch in der That ist?
Ihre Eigenthümlichkeit besteht daher darin, dass sie einen empirischen Stoff auf eine speculative Weise, einen historischen Gegenstand philosophisch, die wirkliche Beschaffenheit des Menschen mit Hinsicht auf seine mögliche Entwicklung behandelt.
Bei der Verbindung einer naturhistorischen und einer philosophischen Beurtheilung leidet zwar gewöhnlich die erstere; hier indess drohet eine nicht minder grosse Gefahr auch der letzteren. Da die vergleichende Anthropologie die Charaktere von Menschen-[1.391] gattungen aufsucht, so wird sie leicht verleitet, dieselben theils bestimmter, theils dauernder anzunehmen, als die Wirklichkeit sie zeigt, und die Würde des Menschen sie verstattet. Eine solche Tendenz aber muss der Ausbildung der menschlichen Natur im höchsten Grade verderblich seyn, deren Adel ganz vorzüglich auf der Möglichkeit einer freien Individualität beruht. Es ist hier die gefährliche Klippe, die man bei jedem Urtheil über den Menschen vermeiden muss, ihn immer zugleich und doch nie zu sehr als Naturwesen zu behandeln.
Hier indess ist diese Klippe bei weitem weniger gefährlich. Denn unsre Absicht hier ist bloss die, überhaupt individuelle Verschiedenheiten aufzusuchen, und zwar solche, die auch noch mit idealischen Foderungen verträglich sind; nicht aber die, das Menschengeschlecht naturhistorisch zu classificiren. Diess Letztere brauchen wir nur als Mittel zur Erreichung jenes Zwecks, theils um den Individuen selbst näher zu treten, das Dauernde und Wesentliche sicherer zu erkennen, und uns durch vorübergehende Zufälligkeiten weniger irre führen zu lassen, theils um den Gang der Natur selbst besser zu beobachten, auf welchem diese vermöge der Aehnlichkeit der Gattungen die Originalität der Individuen befördert, indem sie sie benutzt, dieselben zu bestimmen, ohne doch ihre Freiheit zu binden.
Möchten also auch Geschlechts- Temperaments- und Nationalcharaktere noch weniger bestimmt seyn, als sie es in der That sind, so ist diess kein Einwurf gegen das Gelingen einer vergleichenden Anthropologie. Denn dieser ist es genug, nur auf wesentliche Verschiedenheiten geführt worden zu seyn, und dasjenige, was sich nun immer im Object wirklich findet, für den praktischen Gebrauch gehörig geprüft und gewürdigt zu haben.
5. Methode. Ausdehnung und Grenzen. Eintheilung
Die vergleichende Anthropologie ist nach dem Vorigen ein Zweig der philosophisch-praktischen Menschenkenntniss. Wie diese wird sie daher die Empirie, so wie die blosse Speculation vermeiden, und sich allein und durchaus auf Erfahrung stützen. Auch wird sie die Hauptregeln anerkennen, und befolgen, welche diese aufstellt. Sie wird demnach:
1. die Data zu ihren Charaktergemählden aus den Aeusserungen [1.392] des ganzen Menschen, zugleich aus seiner physischen, intellectuellen und moralischen Natur hernehmen, um sich des vollständigsten Stoffs zu versichern.
2. unter diesen vorzüglich auf diejenigen Züge achten, welche recht eigentlich den Charakter, und zwar denselben da, wo er individuell verschieden zu seyn pflegt, bezeichnen — auf das Verhältniss und die Bewegung der Kräfte.
3. immer nur auf die innere Beschaffenheit und Vollkommenheit, nie bloss oder auch nur hauptsächlich auf die Tauglichkeit zu äusseren Zwecken sehen.
4. den Charakter soviel als möglich genetisch schildern.
5. von den Thatsachen und Aeusserungen aus zu den allgemeinen Eigenschaften, und von da zum eigentlichen innern Wesen übergehen.
6. die zufälligen Eigenschaften von den wesentlichen genau absondern, und nach den verschiednen Graden ihrer Zufälligkeit ordnen.
7. den bisher mehr nach einzelnen Seiten betrachteten Charakter in die höchste Einheit zusammenziehn, aus dem vollständig gezeichneten Bilde den Begriff herausnehmen, — was dadurch am besten geschieht, dass man die Art, wie er zu den höchsten und ganz allgemeinen Zwecken des Menschen gelangt, auf einmal auszusprechen versucht.
Ihre besondre Tendenz, nicht bloss, wie die Menschenkenntniss überhaupt, den Menschen im Allgemeinen, oder einzelne gerade interessante Individuen zu studiren, sondern den Umfang der, ohne Verletzung der Idealität, möglichen Verschiedenheit im Menschengeschlecht zu erforschen, durch welche sie zugleich auf die Untersuchung von Gattungscharakteren geführt wird, fügt den vorigen Regeln noch folgende hinzu:
1. da es ihr vorzüglich darum zu thun ist, zu erforschen, wie die idealische Vollkommenheit, die Einem Individuum unerreichbar ist, sich in mehreren gesellschaftlich ausdrückt, so wird sie hauptsächlich durch diese Absicht bei der Wahl der Charaktere zu ihrem Studium geleitet werden. Sie wird soviel als möglich solche aufsuchen, die entweder den Begriff der Menschheit erweitern, oder sich so gegenseitig gegen einander verhalten, dass sie Züge, die zusammen nicht in gleicher Stärke verträglich seyn würden, einzeln darstellen.
2. da sie sich auf ihrem Wege besonders an Gattungscharak-[1.393] teren halten muss, so wird sie dieselben so rein als möglich von allem Einfluss der einzelnen Individualitäten bestimmen, und ihre Eigenthümlichkeiten daher vornemlich aus den gemeinschaftlich auf sie einwirkenden Ursachen, und aus ihrem Begriffe herleiten.
3. dagegen wird sie sich aber auch sorgfältig hüten, durch einen zu festen und engen Begriff der Gattung die Freiheit der Individuen zu beschränken.
Der Umfang der vergleichenden Anthropologie würde eigentlich dem des ganzen menschlichen Geschlechts gleich seyn, wenn nicht zwei Ursachen sie hinderten, ihre Grenzen so weit auszudehnen.
Der Mensch bedarf eines gewissen, nicht geringen Grades der Cultur, um eine individuelle Form zu erlangen. Seine erste Ausbildung ist durchaus nur in Massen, nur in rohen, noch durch wenige Züge bestimmten Formen. Dieser Grad der Cultur muss schon zu einer beträchtlichen Höhe gestiegen seyn, wenn der Charakter so verfeinert, und seine Form so bestimmt seyn soll, dass er auch nur einzelne Züge zeigt, welche eine Erweiterung des Begriffs der Menschheit in ihrer Vollendung erwarten lassen, noch mehr aber dass er als eine Bahn erscheine, in welcher der Mensch sich dieser Vollendung auf eine zweckmässige Weise nähern kann. Denn die ersten Eigenthümlichkeiten noch roherer Völker sind meistentheils entweder nur äussre, oder zufällige und unbedeutende, oder gar fehlerhafte Verschiedenheiten; auf diese folgen einzelne mehr oder weniger versprechende Züge; und erst die letzte Stufe ist es, wenn die Eigenthümlichkeit sich über alle Kräfte verbreitet, und einen durchaus individuellen Charakter zu bilden anfängt.
Selbst in unserm cultivirten Europa finden wir noch alle diese Stufen neben einander. Auf jener höchsten stehen unstreitig Franzosen, Engländer u. s. f.; Pohlen, Spanier und Portugiesen wohl nur auf der mittleren; und gewiss auf der untersten noch Russen und Türken. Wer möchte es unternehmen, von dieser letzteren einen individuell-idealischen Charakter aufzustellen, wer nur überhaupt, nach Abzug der äussern oder zufälligen Verschiedenheiten, einen individuellen Charakter, der sich noch von dem allgemeiner menschlichen auf eine irgend für die Betrachtung dankbare Weise unterschiede?
Wenn aber auch gegen die Tauglichkeit des Objects selbst nichts eingewendet werden kann, so gehört eine tiefe und genaue [1.394] Kenntniss desselben dazu, um eine solche Schilderung zu entwerfen, als hier nothwendig ist. Nur eine einzige innere und wesentliche Eigenheit als solche zu erforschen, ist schon schwierig; wieviel mehr aber alle in ihrer Verbindung zu einem Ganzen zu kennen. Wieviele Hülfsmittel auch z. B. zur Kenntniss der Nationen vorhanden seyn mögen, so wird doch derjenige, der hier selbst Hand an das Werk legt, sich bald gerade da verlassen fühlen, wo er am meisten eines sicheren Führers bedürfte.
Nur von sehr wenigen Menschengattungen ist es also möglich auch nur den Versuch zu wagen, ein vollständiges Bild ihrer innern und wesentlichen Eigenthümlichkeit zu geben. Denn zu dem vollkommnen Gelingen ist vielleicht, wenn man die Hindernisse, die im Object und in unserer Kenntniss desselben liegen, zusammennimmt, nicht eine einzige reif. Dennoch kann sich eine philosophischeiii) Anthropologie nicht mit etwas Geringerem begnügen. Sie muss immer ein Ganzes, eine vollendete Gestalt aufsuchen; bloss, wie die physiologische, nach einer Menge von Verschiedenheiten zu haschen, ist ihr durchaus fremd. Wenn daher diese letztere vorzüglich in den entferntesten Himmelsstrichen verweilt, welche die abweichendsten Verschiedenheiten aufweisen, so wird sie sich hauptsächlich auf den kleinen Kreis der höchsten Cultur beschränken, in welchem die Eigenthümlichkeiten am meisten bestimmt und vollendet erscheinen.
Was die Anordnung der Theile betrift, so wird der Schilderung der einzelnen Charaktere eine allgemeine Einleitung vorangehen müssen, um 1. die Möglichkeit, die Ursachen und den Werth der Verschiedenheit überhaupt, 2. die Natur der Gattungscharaktere im Allgemeinen, 3. die Natur einzelner unter denselben, z. B. der Geschlechter, Nationen u. s. f. insbesondre abzuhandeln.
6. Quellen und Hülfsmittel. Nothwendige Geistesstimmung
Wenn der individuelle Charakter des Menschen zum Behuf seiner möglichen Idealisirung erforscht, und dieser Stoff nicht fragmentarisch bloss an einzelnen Fällen, sondern in allgemeinen Sätzen, als eine Theorie, bearbeitet werden soll; so muss seine [1.395] Behandlung alle Arten der Betrachtung der Natur durchgehen, und zugleich naturhistorisch, historisch und philosophisch seyn.
Der Mensch, auch als Gattung betrachtet, ist offenbar ein Glied in der Kette der physischen Natur. Er artet, wie die übrigen Thiere, in Rassen aus, diese Rassen pflanzen ihre Eigenthümlichkeiten fort, und erzeugen mit einander halbschlächtige Blendlinge. Hier und in andern ähnlichen Fällen sind offenbar Naturwirkungen, die nicht zurückgewiesen werden können, nur benutzt und geleitet werden müssen. In dieser Rücksicht gehört der Mensch schlechterdings der Natur an. Er kann, wie sie, beobachtet werden, und, was das eigentlich charakteristische Kennzeichen hiebei ist, es ist möglich, mit ihm zu experimentiren. Der Naturnothwendigkeit im Menschen am meisten entgegen steht seine Willkühr. Vermöge dieser beginnt und endigt er Handlungen, ohne weder durch Naturzwang, noch auch gerade durch Vernunftnöthigung getrieben zu werden. Er folgt, wie man zu sagen pflegt, dem Zufall, äusseren Einwirkungen, oder inneren augenblicklichen Antrieben. Was er auf diese Weise thut, ist zwar oft physisch, da es auch nicht einmal mittelbar aus Vernunft entspringt, es ist aber doch immer das Resultat physischer oder andrer Veränderungen auf eine freie Natur, und daher weder nach Naturgesetzen zu berechnen, noch auch eines Experimentes fähig. Von dieser Seite kann der Mensch bloss historisch erkannt werden. So ist er; so ward er. Das Warum? erlaubt keine befriedigende Antwort.
Natur und Willkühr werden verknüpft in der ächt menschlichen Freiheit durch Vernunft. Denn die Vernunft bringt eine ebensogrosse Nothwendigkeit nach Gesetzen hervor, als die Natur, aber sie thut der Freiheit nicht den mindesten Eintrag, da sie sich selbst das Gesetz giebt. Hier sind also Gesetze, und zwar solche, die, ausserhalb des Gebiets der Erscheinungen, aus einer selbstständigen Kraft emaniren. Hier beginnt demnach das Gebiet der philosophischen und ästhetischen Beurtheilung.
Jede theoretische Bearbeitung eines Stoffs setzt eine Beurtheilung nach Gesetzen voraus, und nur insofern der menschliche Charakter einer solchen fähig ist, verstattet er eine wissenschaftliche Behandlung.
Die organische Natur des Menschen lässt allerdings Gesetze sehen, die regelmässig und unfehlbar eintreffen. So ist es z. B. ein allgemeines Naturgesetz, dass ein Theil der Individualität der [1.396] Eltern auf die Kinder übergeht. Aber die verwickelte Oekonomie des menschlichen Körpers, seine noch unbegreiflichere Verbindung mit dem moralischen Charakter, und die grosse Schwierigkeit, mit dem Menschen zu experimentiren, macht, dass jene Gesetze noch immer so unvollkommen, und schwerlich je durchaus vollständig erkannt werden. So ist es in dem vorigen Beispiel nicht möglich zu bestimmen, was gerade, in welchem Grade, und unter welchen Umständen mehr oder minder durch die Zeugung forterbt. Selbst, was doch bei weitem einfacher ist, die physische und physiologische Eigenthümlichkeit eines Individuums als ein Ganzes zu kennen, giebt es noch nicht einmal eine allgemeine Formel oder Methode. Man beobachtet und kennt bloss einzelne Verschiedenheiten, aus denen sich wenig oder nichts schliessen lässt.
Die grösseste Strenge und Gesetzmässigkeit verstattet die philosophische Beurtheilung, allein auch mehr da, wo sie dem Menschen für seine Gesinnungen Regeln vorschreibt, als da, wo sie zum Behuf der Erweiterung seines Wissens den wirklichen Zusammenhang zwischen seinen Kräften aufzudecken bemüht ist. Zwar wird sie einzelne Verhältnisse unfehlbar richtig bestimmen und aufklären, aber da diese nie ganz allein und vereinzelt vorhanden, also die Fälle nie rein gegeben sind, so werden die innern intellectuellen und moralischen Verhältnisse nie ganz fehlerlos dargestellt, oder vollständig erschöpft werden können.
Am wenigsten Gesetzmässigkeit zeigt ein bloss historisch behandelter Stoff. Alles Einzelne erscheint in demselben eben so regellos, als der Zufall und die Willkühr, die es hervorbringen. Dennoch kehren auch hier, sobald man nur grosse Massen auf einmal ins Auge fasst, gleiche Ereignisse in einer gewissen, obgleich weniger strengen und schwerer zu beobachtenden Regelmässigkeit zurück.
Der Stoff, den die vergleichende Anthropologie darbietet, ist daher nicht gerade einer wissenschaftlichen, ja nicht einmal durchaus einer theoretischen Behandlung fähig. In wie hohem Grade er indess auch empirisch seyn mag, so zeigen doch die einzelnen Erscheinungen immer eine gewisse Stätigkeit, Folge und Gesetzmässigkeit, und diese letztere muss nothwendig sowohl mit der Erweiterung unsrer Kenntniss, als mit der Veredlung der menschlichen Natur selbst, noch mit dem Fortschritte der Zeit immer höher steigen. Der Bearbeiter hat sich daher zwar zunächst so genau als möglich an die Wirklichkeit anzuschliessen, aber mit [1.397] der Beobachtung muss er zugleich immer soviel als möglich eine streng philosophische Behandlung verbinden, theils um die Masse der Thatsachen nach Gesetzen theoretisch zu ordnen, theils um die durch die Beobachtung erhaltenen Charaktere praktisch nach Gesetzen zu beurtheilen.
Wer hierin glücklich seyn, und die individuelle Menschenkenntniss wahrhaft erweitern will, der muss gewissermaassen die verschiedenen Geistesstimmungen des Naturbeobachters, des Historikers und des Philosophen in sich vereinigen. Wie der erstere muss er überall von dem Begriff der Organisation ausgehen, durchgängig vollkommene Gesetzmässigkeit voraussetzen, alles aus den innern und eignen Kräften des Wesens erklären, in diesen jede zugleich als Zweck und als Mittel betrachten, und nie zu andern als physischen Erklärungen seine Zuflucht nehmen. Wie dem zweiten liegt es ihm ob, mit der antheillosesten Gleichgültigkeit bloss nach dem, was geschehen ist? Zu fragen, und das Ganze, zu dem die einzelnen von ihm beobachteten Thatsachen gehören, weder als ein Naturprodukt, noch auch als ein reines Willensprodukt anzusehen, damit er auch nicht einmal versucht werde, von Ursachen und Gesetzen auf die einzelnen Erscheinungen, sondern immer von diesen auf jene überzugehen. Denn das ist es gerade, was den Historiker, wenn man ihn nemlich dem Naturbeobachter und Philosophen entgegensetzt, auszeichnet, dass er es einzig und allein mit dem, was geschehen ist, zu thun hat, und das Feld, auf dem er thätig ist, weder als das Gebiet der Natur, noch als das Gebiet eines reinen Willens, sondern als das Reich des Schicksals und des Zufalls betrachtet, von dessen Launen wenigstens im Einzelnen niemand Rechenschaft zu geben fähig ist. Wie der Philosoph endlich darf er nicht vergessen, dass ein freies und selbständiges Wesen der Gegenstand seiner Betrachtung ist, bei dem er erste, nothwendige, ausserhalb der Erscheinungen liegende Ursachen voraussetzen, und das er streng nach Gesetzen, nach Vernunftidealen beurtheilen muss.
Was das Schwierigste ist, so dürfen diese drei so verschiedenen Geistesstimmungen nicht einmal immer, wenn auch freilich oft, einzeln bei einzelnen Theilen der Charakterkenntniss thätig, sie müssen sehr häufig sehr nahe mit einander verbunden seyn. Denn da der Mensch ein freies Wesen in der Kette der Natur ist, so wird auch dasjenige, was durchaus selbstständig aus ihm entspringt, leicht zu einer Art von Organisation, und wenn daher der Stoff [1.398] des Charakters einmal hinlänglich historisch erforscht ist, so ist es immer nothwendig zugleich zu versuchen, ihn als Natur und Organisation zu erklären, und als die freieste Exertion rein menschlicher Kräfte idealisch zu beurtheilen. In der moralischen Natur des Menschen muss man gleichsam eine bewegliche Organisation annehmen, eine bewundernswürdige Leichtigkeit etwas zur Natur werden zu lassen, und es doch, bei veränderter Charakterrichtung, wieder gegen etwas anderes zu vertauschen. In der That sehen wir, dass auf der einen Seite der Mensch sich Eigenschaften dergestalt anzueignen vermag, dass sie sich mit allem in ihm verbinden, in seine physische Beschaffenheit sogar übergehen, und von ihm aus sich auch auf andere fortpflanzen; dass er auf der andern, sobald sein Geist eine andere Wendung nimmt, aus der bisherigen Form heraustreten und sie mit einer andern verwechslen kann. Diese letztere Kraft zeigt sich manchmal in dem Kampf individueller Züge mit dem Charakter des Geschlechts, oder der Nation in einem bewundernswürdigen Grade. Diese dem ersten Anblick nach so wenig begreifliche Verbindung der Stätigkeit und Versatilität findet unstreitig ihre Erklärung in dem Zusammenwirken der sinnlichen und rein geistigen Kräfte im Menschen. Die ersteren streben immer alles zu assimiliren, alles in Habitus und Natur zu verwandeln. Dagegen ist den letzteren jede Stätigkeit fremd, die nicht auf einer fortwährenden Billigung des gegenwärtigen Augenblicks, sondern auf einer Fortdauer voriger Eindrücke beruht. Nun gewinnen zwar im Kampfe die geistigen Kräfte immer die Oberhand, da aber die sinnlichen doch auch immer thätig bleiben, so entsteht immerfort eine habituelle Natur, die nur, wenn sie mit veränderten Geistesrichtungen in Widerspruch geräth, nicht alleinherrschend werden kann.
Die gehörige Mischung, in welcher die in so hohem Grade ungleichartigen Anlagen mit einander zu einer richtigen Menschenkenntniss verbunden seyn müssen, künstlich und regelmässig zu finden, dürfte schwer, wo nicht unmöglich seyn. Auch findet man in der That meistentheils entweder zu empirische oder zu speculative Menschenbeobachter. Die beste Schule für die Menschenkenntniss ist daher das Leben, und derjenige wird am besten in derselben gelingen, dessen Charakter selbst in vorzüglichem Grade kultivirt ist, der zugleich formenreich und hinlänglich gewöhnt ist, sich nach Gesetzen zu beurtheilen. Denn demjenigen, der selbst die nothwendige Freiheit und Gesetzmässigkeit in sich verbindet, [1.399] wird es auch weder an der Empfänglichkeit fehlen, den gegebnen Stoff aufzufassen, noch an der Kraft, ihn einer strengen Prüfung nach Gesetzen zu unterwerfen.
7. Von der Charakterverschiedenheit im Allgemeinen
Der erste Unterschied, den wir unter mehreren Menschen bemerken, und der auch dem flüchtigsten Blick nicht entgeht, ist die Verschiedenheit der Gegenstände ihrer Beschäftigung, der Producte ihres Fleisses, der Art, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, und das Leben zu geniessen. An diese in die Augen fallenden Dinge heftet sich zuerst der Begriff der Eigenthümlichkeit bei einzelnen Individuen, wie bei ganzen Nationen, unter welchen letzteren man noch von sehr vielen gerade nur soviel, nur ihre Kleidung, Beschäftigungen, Vergnügungen, Lebensart u. s. f. kennt.
Die zweite Classe von Kennzeichen der Verschiedenheit unter Menschen geht schon näher ihre Persönlichkeit an, wenn sie auch gleich das Innre derselben noch nicht geradezu und unmittelbar schildert. Man kann dahin alles Aeussre in dem Körperbau und dem Betragen rechnen, Gestalt, Farbe des Gesichts und des Haars, Physiognomie, Sprache, Gang und Gebehrden überhaupt. Diese Gattung von Kennzeichen ist hauptsächlich wichtig, da sie auf der einen Seite dem Menschen selbst näher führt, als die vorige, und auf der andern ein wahreres und treueres Bild giebt, als dasjenige ist, was man unmittelbar von dem Innern doch immer mehr schliesst, als geradezu sieht. Daher bleibt nicht allein der gesunde und natürliche Tact, der, wenn auch manchmal im Einzelnen, doch selten im Ganzen grosse Fehlgriffe thut, schlechterdings bei diesen stehen, sondern auch der philosophischste Menschenkenner behält dieselben unverrückt vor Augen, um an ihnen, als an unmittelbaren Thatsachen, seine tiefer eingehenden Urtheile zu prüfen und zu berichtigen.
Von diesen beiden Gattungen der Kennzeichen aus kann man endlich auf die innern Verschiedenheiten selbst übergehen. Diese trift man alsdann zwar nicht in den Kräften selbst, da das ganze Menschengeschlecht durchaus mit denselben ausgestattet ist, wohl aber in ihrem Grade, da sie bei dem einen eine Höhe erlangen, zu der sich der andre nie emporschwingt, in ihrem Verhältniss, wenn bei dem einen die Phantasie, bei dem andern der Ver-[1.400] stand u. s. f. herrschend ist, oder in ihrer Bewegung, da der eine rastlos und thätig, der andre träg und unthätig ist, u. s. f. an; ferner in den Empfindungen, die bei dem einen sanfter und reizbarer, als bei dem andern sind, endlich in Neigungen und Leidenschaften.
Aber alle diese Verschiedenheiten, so einzeln, als sie hier dastehn, betrachtet, beweisen mehr Verschiedenheiten in einzelnen Aeusserungen, als in dem Charakter selbst. Solange man sie einzeln betrachtet, bleibt es immer ungewiss, ob sie nicht mehr bloss aus einer Verschiedenheit der äussern Lagen und Umstände, als aus einer innern Charakterform entspringen, aus welcher das Individuum entweder gar nicht oder doch nicht ganz herauszugehen im Stande ist. Nur in diesem letzteren Falle aber ist doch eine eigentliche Charakterverschiedenheit vorhanden, und um daher auf diese zu kommen, bedarf es noch andrer und tiefer eingreifender Beobachtungen.
[8]. Hauptsächlichste Thatsache, auf welche der Gedanke einer vergleichenden Anthropologie sich vorzüglich stützt
Diese Thatsache ist der Unterschied der Geschlechter, welche die Natur zu einer so unverkennbaren Eigenthümlichkeit eines jeden für sich, und einer sich so scharf entgegengesetzten Verschiedenheit bestimmt hat, dass vernünftiger Weise auch nicht einmal der Gedanke entstehen kann, den Charakter des einen mit dem des andern zu vertauschen, oder die Individualität beider durch eine dritte zu vertilgen. Ueberall, wo von individuellen Unterschieden die Rede ist, kann daher derselbe zum Muster dienen, an dem die Art, die Entstehung, die Entwicklung und das Verhältniss solcher Eigenthümlichkeiten unter einander und zur Gattung auf die auffallendste Weise sichtbar ist. Bei allem aber, was sich auf Naturbeobachtung gründet, ist es ein Haupterfoderniss einer guten Methode, jeden einzelnen Punkt gerade da aufzusuchen, wo er sich am sichtbarsten zeigt.
Unter beiden Geschlechtern selbst ist es hier, wo es darauf ankommt, die Einheit in den einzelnen Eigenthümlichkeiten zu bestimmen, welche dazu gehört, um eine eigentliche Charakterverschiedenheit zu begründen, besser, bei dem weiblichen stehen [1.401] zu bleiben, da dieses die Individualität der Art reiner und weniger mit der der Gattung vermischt, als das männliche, an sich trägt.
Betrachten wir nun die einzelnen Züge der Natur der Weiber in Vergleichung mit den Männern, so finden wir:
1. ihren Körperbau kleiner, schwächer und zarter; ihre Knochen feiner und biegsamer; die Muskelkraft mehr zum langsamen Ausdauern, als zur plötzlichen Anstrengung geschickt; ihre Gestalt von weichen, fliessenden Umrissen begränzt, voll Fülle und Anmuth; ihren Ausdruck in der Ruhe und der Bewegung mehr mannigfaltig, sprechend und sanft, als gerade, fest und bestimmt; ihre Schönheit überhaupt mehr durch die Freiheit des Stoffs in der Anmuth, als durch die Herrschaft der Form in der Bestimmtheit der Züge hervorstechend; ihre physische Organisation endlich durch eine überwiegende Reizbarkeit und Thätigkeit des Nervensystems, und eine gewisse Passivität, vermöge welcher sie Uebeln länger widerstehn, und leichter grosse Veränderungen erleiden kann, ausgezeichnet.
2. in Rücksicht auf ihre intellectuellen Fähigkeiten eine entschiedene Neigung zur Betrachtung der Natur und alles dessen, was einen unmittelbaren Werth und Gehalt besitzt, verbunden mit einer fast gleichen Abneigung gegen alles bloss Mittelbare und Symbolische; eine bewundernswürdige Stärke in demjenigen Theile der Erforschung der Wahrheit, welcher lebhafte und bewegliche Reizbarkeit, leichtes und schnelles Auffassen und Verknüpfen fodert, dagegen eine nicht minder auffallende Schwäche und einen fast noch grösseren Widerwillen gegen denjenigen, der mehr auf Selbstthätigkeit und scheidender Strenge beruht. Daher ist es den Frauen in so hohem Grade eigen, ihr forschendes Streben überall nach dem wahren Wesen der Dinge zu richten; aber ebendaher erreichen sie doch diess letztere so selten in seiner objectiven Reinheit. Sie behandeln ihren Gegenstand nicht so willkührlich, als nicht selten der Mann; dagegen aber mit einer nachsichtsvolleren Schonung, als die Foderung ihn zu durchschauen und vollkommen in ihn einzudringen verstattet. Ueber dem Geiste der Wahrheit verfehlen sie ihren Buchstaben. So wenden sie sich bei Objecten der Beobachtung gewiss immer unmittelbar an die Wirklichkeit selbst, aber da sie sich mehr den Eindrücken, welche dieselbe in ihnen hervorbringt, überlassen, als sie aufzudecken, zu zerlegen, und ihr mit Versuchen nachzugehen geneigt sind, so gelingt es ihnen nur selten, sie genau zu [1.402] ergründen; meistentheils knüpfen sie vielmehr ihre subjective Vorstellungsart an dieselbe an, und führen in ihr, wie in ihrem eigenthümlichsten Elemente, nur ihr eignes inneres Leben fort. Ebenso nehmen sie jedes Raisonnement gewiss immer von der Seite seiner bedeutendsten und fruchtbarsten Folgen, bringen es mit allen ihren übrigen Begriffen in gegenseitige Verbindung, sind aber nicht immer sorgfältig genug, es auf hinlänglich sichere Gründe zu stützen. Aus gleichen Gründen empfinden sie auch nach den letzten Resultaten der abstraktesten Philosophie ein dringendes Bedürfniss, weil schon ihre Natur ihnen nicht eher, als bis sie ihre ganze Gedankenmasse in eine Einheit verbunden haben, zu ruhen erlaubt; da indess die Abstraction ihrer Individualität doch durchaus widerspricht, so bleibt ihnen die eigentliche Speculation immer fremd. Der Wahrheitssinn existirt in ihnen im genauesten Verstande des Worts, als ein Sinn, sie sind durch ihre Natur selbst gedrungen, ihn zu lieben und ihm zu huldigen; aber aus einem ursprünglich in dieser gegründeten Mangel an derjenigen sondernden Kraft, welche das eigne Ich recht scharf von der Welt abscheidet, die es umgiebt, werden sie seinem letzten Ziel: der Erforschung der Wahrheit nicht so nah kommen, als der Mann.
Das Unterscheidende dieser intellectuellen Eigenthümlichkeit des andern Geschlechts beruht grösstentheils auf der Reizbarkeit und Lebhaftigkeit der Phantasie, welche den übrigen Kräften, am wenigsten dem Verstande und der Vernunft, nicht leicht abgesondert zu wirken verstattet, aber dagegen auch selbst nicht so willkührlich, als oft im Manne verfährt, sondern den Sinnen und dem Gefühl folgsamer getreu bleibt.
Nicht also gerade baaren Gewinn an einzelnen Kenntnissen oder Wahrheiten darf man von dem Geiste der Frauen erwarten; er leistet mehr, und seine Bestimmung ist höher und edler. Das Höchste und Beste in der allgemeinsten Geistesthätigkeit überhaupt, das Umfassen eines mannigfaltigen Reichthums, das treue Anhalten an die Natur und den unmittelbaren Gehalt, das Streben, alles und überall zu verknüpfen, das Bedürfniss, das eigne Ich und die umgebende Welt nicht nur immer auf einander zu beziehn, sondern auch durchaus in Eins zu verschmelzen, ist unmittelbar durch seine Natur selbst gegeben. Es fehlt ihm nur, dass er auch das Einzelne immer hinreichend sichre.
Darum wirkt gerade der weibliche Geist so wohlthätig auf den männlichen. Wo der letztere durch willkührliche Einfälle [1.403] und grübelndes Speculiren zweifelt, da beruhigt und befestigt ihn oft der gesunde und natürliche Blick des ersteren; wo jener hingegen, weil er seiner Meynung widersprechende Thatsachen übersieht oder gering achtet, zu früh gewiss ist, fodert dieser ihn zum Zweifel auf. Ausserdem aber sieht der Mann die unendliche Bahn, die er langsam und Schrittweise durchmessen soll, in dem Geiste des Weibes, der schnell und mit Ueberspringung der mittleren Schritte beide Enden zusammenknüpft, als einen kurzen Weg sinnlich dargestellt, und wird unaufhörlich durch denselben an das Letzte und Höchste erinnert, das er erreichensoll, ohne doch in seiner eigenthümlichen Thätigkeit gestört zu werden, in welcher er sich vielmehr durch den entgegengesetzten Mangel in der weiblichen aufgefodert fühlt, noch rüstiger fortzuarbeiten.
3. in Rücksicht auf den ästhetischen Charakter des Geschlechts.
Wenn der Schönheitssinn lebhaft und rege seyn soll, so muss die Energie des Geistes in einer gewissen mittleren Richtung zwischen der Thätigkeit der Sinnlichkeit und der des reinen Verstandes gehalten, kein Gegenstand weder von der Seite seines physischen Gebrauchs, noch von der seines Begriffs allein betrachtet werden; vielmehr ist es nothwendig, immer beide zugleich zusammenzunehmen und gleichsam zu vertauschen, und die Materie sowohl als den Begriff desselben bloss als Gestalt d. i. als etwas zwar sinnliches, aber doch unkörperliches zu behandeln. Diesem Verbinden heterogener Gemüthskräfte, diesem mittleren Schweben zwischen der Wirklichkeit und der reinen Geistigkeit ist nun die ganze intellectuelle Anlage der Frauen in hohem Grade günstig. Sie sind bei gleichen Graden der Kultur durchaus mehr als der Mann auf das Höchste und Idealische gerichtet (theils weil sie überhaupt mehr nach Einheit streben, theils weil die in ihnen vorzugsweise herrschende Phantasie dieselbe Richtung hat, theils endlich weil sie in einer niedrigeren Sphäre die Befriedigung durch reine Verstandesbeschäftigung weniger kennen) und trennen sich doch zu ungern so weit von der sinnlichen Wirklichkeit, um in dem Gebiete abgezogener Vernunftideen anhaltend zu verweilen. Nichts kann ihnen daher so willkommen seyn, als eine Beurtheilung, die so sehr, als nur irgend eine andre, Allgemeinheit und Nothwendigkeit mit sich führt, und doch nicht nach deutlich erkannten, vollkommen ausgesprochnen Grundsätzen bloss mechanisch geschieht. Dazu kommt die äussere Anmuth und Schönheit, welche die weibliche Gestalt selbst besitzt und die sie anzunehmen [1.404] fähig ist, die richtig vertheilte Fülle und Feinheit des Baus und der Züge, die Grazie der Bewegungen, die wohlklingende Stärke und Sanftheit der Stimme. Denn ausserdem, dass dieser eigne Reiz beständig die Sinne umgiebt, wirkt er auch auf die Beschaffenheit und den Rhythmus der Empfindungen zurück, oder ist vielleicht richtiger selbst in beiden gegründet. Endlich gesellt sich die äussere Lage hinzu, in welcher die ernsthaften Geschäfte gerade die am wenigsten anstrengenden sind, die alle übrige als Spiel und Erholung anzusehen verstattet, und überhaupt der Musse des Geistes und dem Umherschweifen der Phantasie soviel Zeit zu widmen erlaubt. Darum ist der Schönheitssinn der Frauen unaufhörlich rege, und in so bewundernswürdigem Grade lebhaft, darum beurtheilen sie alles nach den Regeln des Gefallenden, und suchen in die kleinsten Züge ihres Lebens Geschmack zu verweben. — Diess ist im eigentlichsten Verstande Anlage des Geschlechts, und muss unvermeidlich entstehen, sobald menschliche Kultur sich mit weiblichem Charakter verbindet. Nur ob dieser Schönheitssinn richtig und rein ist, ob er nicht z. B. das bloss Angenehme oft mit dem Schönen verwechselt? hängt mehr von der Individualität einzelner Subjecte ab.
Aber von diesem unbestimmteren Schönheitssinn ist noch ein weiter Weg bis zum eigentlichen Kunstgefühl, und noch mehr bis zum Kunstgenie. In allem, was der Kunst angehört, lässt sich das Technische, das bloss auf logischen Regeln beruht, von der Wahrheit in der Nachahmung der Natur und diese wiederum von dem eigentlich Künstlerischen oder Poetischen, der reinen Erzeugung der selbstthätigen Phantasie, abscheiden. Die Richtigkeit des Urtheils über das erste Erfoderniss hängt ganz und gar von einer bestimmt darauf gerichteten Verstandescultur ab. Weiblich wird es indess seyn, es hiemit nicht allzustreng zu nehmen, sondern vielmehr sogar bedeutendere Fehler anderen Schönheiten zu verzeihen. Ueber das zweite Erforderniss werden die Frauen vermöge der Feinheit ihres Beobachtungsgeistes und der Zuverlässigkeit ihres Taktes vortrefliche Richterinnen seyn. Selbst der Natur so nah, ist ihnen kein Zug fremd, der aus ihr entlehnt wird; in so hohem Grade reizbar und beweglich, werden sie nicht leicht für eine Empfindung, welche der Dichter in ihnen weckt, den entsprechenden Ton in ihrem Innern vermissen. So werden sie ihn tiefer und inniger verstehen; aber sie werden ihn auch strenger beurtheilen. Denn da sie ihrem natürlichen Gefühle, frei [1.405] von vorgefassten Meynungen (die den Mann so oft irre führen) folgen, so wird das Charakterlose und Unnatürliche sie weniger zu täuschen im Stande seyn. Die einzige Gefahr, die ihnen hier droht, ist nur die, ihrer Beurtheilung vielleicht eine zu einseitige, zu sehr aus ihrer Individualität entlehnte Erfahrung zum Grunde zu legen; doch ist selbst diese geringer, da ihr Charakteriv) einen grösseren Kreis umschliesst. Die weibliche Natur ist an und für sich ungleich poetischer, als die männliche, und es kann daher nicht fehlen, dass nicht auch für das höchste und letzte Erfoderniss der Kunst der weibliche Geist ofner und empfänglicher seyn sollte. Er versenkt sich nicht leicht zu tief in die Wirklichkeit, und erhebt sich nur selten zum ganz reinen Gebiet der Ideen. Das Einzige, was ihm hier mangeln könnte, wäre vielleicht die Kraft, mit welcher die selbstthätige Einbildungskraft ihr Product durchaus individuell und doch ganz und gar idealisch, gleichsam in der Mitte zwischen der Natur und der Idee frei schwebend erhält; und in der That findet man auch von dieser Seite das weibliche Urtheil nicht immer rein, nicht selten mehr durch die Wahrheit, als durch das Poetische eines Kunstwerks bestimmt, und oft durch subjective Beziehungen, Uebereinstimmungen oder Verschiedenheiten, bestochen. Die Geschlechts-Anlage macht ein poetisches Urtheil überhaupt leichter und häufiger möglich, als in dem Manne, aber sie setzt der vollkommnen Freiheit und Reinheit desselben (da sie die Phantasie zu nah mit der Empfindung verknüpft und überhaupt den Gemüthskräften weniger abgesondert zu wirken verstattet) grössere Hindernisse in den Weg; indess nie so grosse, dass sie nicht mit völliger Beibehaltung ihrer Eigenthümlichkeit, was wenigstens das Urtheil betrift, sollten überwunden werden können.
Bei weitem schwieriger schon ist das eigne Schaffen, das Kunstgenie. Das Genie überhaupt kann zwar, als der freieste und höchste Schwung des menschlichen Geistes, nur der Individualität angehören, und muss in dem Gattungscharakter allemal Hindernisse antreffen; es fragt sich nur, in welchem mehr oder weniger? Ein gewisser Theil nun in der Ausübung der Kunst gelingt den Frauen unläugbar in hohem Grade. Ihre Productionen besitzen vorzugsweise Leichtigkeit und Anmuth, sind lieblich und gefällig, und wenigstens gewiss immer in einzelnen Zügen wahr und tief [1.406] aus der Natur genommen. Ob sie aber auch, wie nur das Genie vermag, im Stande sind, eine Gestalt so hinzustellen, dass sie sich durchaus über die Natur erhebt, und doch ganz und gar Natur ist, ob es ihrer Phantasie nicht dazu an Stärke, oder wenigstens an der Herrscherkraft, die sich eigenmächtig von jedem fremden Gesetz losmacht, und sich selbst das Gesetz giebt, ob nicht ihrem Geiste überhaupt an Objectivität gebricht? ist eine andere Frage. Wenigstens ist es gewiss, dass der weibliche Charakter vermöge seiner grösseren Empfänglichkeit auch eine bei weitem höhere Selbstthätigkeit erfodert, um das zur Production des Genies nöthige Gleichgewicht zu erhalten. Inwiefern indess dennoch ein einzelnes Individuum diese Schwierigkeiten überwinden kann? erlaubt keine allgemeine Bestimmung. Nur lehrt die Erfahrung soviel, dass Frauen sich nicht leicht an denjenigen Gattungen versuchen, deren Gelingen vorzugsweise auf ihrer künstlerischen, nur durch Genie möglichen Form beruht, wie die epische und dramatische Poesie und die plastische Kunst ist, sondern fast ausschliessend nur an denen, die gleichsam mehr Fläche darbieten, dem blossen Reiz und dem Reichthum des Stoffes mehr Raum verstatten, der Musik und Mahlerei, dem Roman und der lyrischen Dichtkunst, obgleich auch hieran die grössere Kunstfertigkeit und der ausharrendere Fleiss Schuld seyn kann, den jene Gattungen fodern.
Ueberhaupt muss die Weiblichkeit schon eine gewisse Läuterung erfahren haben, ehe wissenschaftliche oder dichterische Productionskraft möglich wird. Ohne diese fehlt es ihr, selbst in den vorzüglichsten Subjecten, an der hinlänglichen Klarheit und Ruhe, und noch mehr an der Kraft, und selbst an der Neigung eine Reihe einzelner Gedanken oder Empfindungen von der ganzen Masse abzusondern, und für sich zu bearbeiten.
4. in Rücksicht auf das Empfindungsvermögen und den Willen.
Um das weibliche Geschlecht von seiner eigenthümlichsten Seite zu sehen, muss man von dem moralischen Charakter ausgehen. Wie bei den Männern der Geist, so ist bei den Frauen die Gesinnung am meisten rege und thätig. Was sie irgendwoher aufnehmen, wird in dieselbe verwandelt; alles geht in sie über; alles entspringt wieder aus ihr. Dadurch ist ihnen eine so entschiedene und beständige Richtung nach der Wirklichkeit eigen. Denn indess der Geist, wenigstens seinen letzten Zwecken nach, immer im Gebiet der Allgemeinheit und Nothwendigkeit und die [1.407] Phantasie im Reiche der Möglichkeit verweilt, gehört dem Gefühl und der Gesinnung nur die individuelle Gegenwart an.
Der erste und ursprüngliche Grund hievon liegt in der Naturbestimmung des Geschlechts. Um Leben und Daseyn zu geben und zu erhalten, muss es der Natur und der Wirklichkeit treu bleiben, und sich streng an sie binden. Zwar beruht diess zunächst nur auf der physischen Organisation; aber der Einfluss davon verbreitet sich unmittelbar auch auf den moralischen Charakter. Denn da sich mit dem Bedürfniss der Natur zugleich in der Liebe die menschlichsten und geistigsten Gefühle verknüpfen, so ergiesst sich diese Empfindung durchaus durch das ganze Wesen, und theilt demselben ihre Eigenthümlichkeit mit. Dasselbe ist zwar auch in dem Manne der Fall, aber der wichtige Unterschied ist der, dass die Frauen der empfangende und bewahrende Theil sind, dass nur ihnen das durchaus eigne Gefühl angehört, Mutter zu seyn, und dass der Charakter des Geschlechts überhaupt inniger in ihre Persönlichkeit verwebt ist.
Die weibliche Empfindung zeichnet sich vor der männlichen zwar durch grössere Reizbarkeit, aber noch mehr durch grössere Innigkeit aus. Nicht dass nicht auch in die Seele des Mannes ein einzelnes Gefühl so tief eindringen könnte, dass es alle Kräfte und Triebfedern des Gemüths auf einmal anspannt; eine Eigenthümlichkeit, die ihm vielmehr sogar ausschliessend eigen ist. Aber in der Seele der Frauen erklingen (wenn das Bild erlaubt ist) von den Schwingungen einer einzelnen Saite immer zugleich alle übrigen; ihr Gemüth gleicht dem stillen und klaren Wasser, in dem die leiseste Bewegung von Welle zu Welle bis an die äussersten Gränzen fortzittert. Daher ist ihre Innigkeit mehr von Leichtigkeit und Wärme, die des Mannes mehr von Heftigkeit, Feuer und Anstrengung begleitet.
Aus der Innigkeit entspringt die weibliche Schaam, so wie aus dieser die weibliche Züchtigkeit. Die Empfindung der Schaam entsteht immer, wenn man sich in sich versenkt, Ueberlegung und Verstand nicht kaltblütig genug von Gefühl und Neigung gesondert fühlt, und durch den Anblick des entgegengesetzten Zustandes in einem andern auf diesen Contrast des eignen aufmerksam gemacht wird. Weil nun der Mann, seiner Natur nach, kälter und besonnener ist, so ist die weibliche Schaam am meisten sichtbar im Verhältniss gegen das andre Geschlecht. Die physische Organisation des Weibes ist ebenso zum Aufnehmen und [1.408] Empfangen geneigt, als die moralische, alles zurück auf den inneren Zustand zu reflectiren. Beides verbindet sich in der besondern Gattung dieser Empfindung, die wir die jungfräuliche Schaam nennen, und die man als die Quelle betrachten kann, aus der sich diess Gefühl überhaupt über die ganze Organisation und über alle Zustände derselben nur in verschiedenem Maass und in verschiednen Gestalten ergiesst.
Schlechterdings eigenthümlich ist den Weibern das Muttergefühl, vorzüglich ehe die Frucht noch gebohren ist. Eine Liebe, die durchaus durch keinen Eindruck der Individualität hervorgebracht (denn die Zuneigung zum Vater verstärkt und verändert nur, erzeugt aber nicht diese Empfindung) und doch mit der unbedingtesten Aufopferung verbunden ist, die allein darauf beruht, dass ein fremdes Wesen mit dem eignen in so durchgängiger Mittheilung, so inniger Berührung steht, dass es selbst nur einen Theil desselben ausmacht, und diess Wesen doch ein lebendiges und menschliches ist, das nur, um einem unabhängigen Daseyn entgegenzureifen, auf eine kurze Zeit an ein fremdes geknüpft ist — eine solche Liebe, die noch dazu mehr als bloss in der Anlage auch denen eingepflanzt ist, die sie nie aus eigner Erfahrung kennen, und die gewiss nicht bloss ihren physischen Endzweck erfüllt, sondern sich mit ihren Einflüssen über den ganzen Charakter verbreitet, öfnet den Frauen einen ganz anderen Sinn der Aneignung, und lehrt sie einen ganz anderen Weg kennen, äussre Objecte mit sich zu verknüpfen, in sich aufzubewahren, und wieder von sich zu scheiden, als wofür der Mann nur einen Begriff hat. Daher stammt es, dass in der weiblichen Seele jede tiefere Empfindung, jede eigenthümliche Idee ein Theil ihrer selbst wird, die sie nur mit Mühe und gleichsam mit Schmerzen aus sich loswindet, und dass sie eine Freude der entbehrenden und selbst der schmerzensvollen Aufopferung kennt, die der Mann nur selten und in einzelnen leidenschaftlichen Momenten empfindet.
Lebhafte Reizbarkeit der Empfindung und Anhänglichkeit an die einmal gefasste Meynung bringen natürlich einen leidenschaftlichen, leicht erregbaren und heftigen Charakter hervor. Da aber die intellectuelle Cultur die Einseitigkeit des Verstandes, und die ästhetische die Materialität der Empfindung vermindert; so verschwindet diese Leidenschaftlichkeit auch in gebildeten Frauen wiederum bis auf ihre letzten kaum noch erkennbaren Spuren. Das Gemüth erfährt in ihnen seltner jene ungleichen, stürmischen [1.409] Regungen, die wir mit dem Namen der Leidenschaften bezeichnen; aber es befindet sich dafür in dem Zustande einer fortdauernden höheren, jedoch gleichmässigeren Spannung,v) und wenn sich eine Leidenschaft ihrer bemächtigt, so ist es nur für einen Gegenstand, auf den sich, wenigstens der Ansicht des Subjectes nach, alle Kräfte der Seele würdig vereinigen können, und nur auf eine edle und grosse Weise. In dem Zustande einer solchen Leidenschaft verliert alsdann, sobald die Umstände es erheischen, die schöne Weiblichkeit ihre gewohnte Schüchternheit, sie tritt, auf einmal frei geworden, hervor, erklärt sich laut für den geliebten Gegenstand, und schüttelt das Joch äusserer und conventioneller Rücksichten von sich ab.
Nichts ist der Weiblichkeit so sehr zuwider, als moralische Gleichgültigkeit. In den gemeineren Naturen kündigt sich diess durch Härte und Intoleranz an; in den besseren und höheren herrscht zwar die freieste und schönste Liberalität, aber sie unterscheidet sich von der männlichen dennoch dadurch, dass, wenn Dingen, die das sittliche Gefühl beleidigen, andere sonst achtungswerthe Eigenschaften zur Seite stehen, die Schätzung dieser der Geringschätzung jener nicht das mindeste abzieht, da hingegen der Mann hierin leicht zu weit geht, und den Fehler, den er bloss toleriren will, selbst mit theilt. Ueberhaupt sind Frauen — wenigstens gilt diess gewiss von den edleren — bei weitem strenger bei Beurtheilung der Grundsätze, als ihrer Anwendung in einzelnen Momenten, und es ist selbst weiblich, die Milde oder die Inconsequenz (denn beides ist sehr häufig der Fall) bei dieser sogar zu übertreiben.
Wenn man die Frage aufwirft, ob die sinnliche, ästhetische oder moralische Empfindung im Ganzen genommen bei den Frauen die Oberhand behauptet, so lässt sich dieselbe bei keiner einzelnen vorzugsweise bejahen. Ueberwiegende und heftige Sinnlichkeit ist den Weibern in der Regel und bei einer natürlichen Ausbildung so wenig eigen, dass der berüchtigte Streit über die Kälte oder die Leidenschaftlichkeit des Geschlechts in diesem Punkte ohne Zweifel zum Vortheil der ersteren Behauptung entschieden werden muss; die ästhetische wird, wo es auf Gefühl und Charakter ankommt, wenigstens nicht im Widerspruch mit der moralischen siegen; und der trockne und zugleich dürftige Ernst der mora-[1.410] lischen genügt für sich allein genommen wenigstens der besseren und vielseitigeren nicht, wenn er auch der gewöhnlichen und alltäglichen durchgängige Genüge leistet. Wo bei der schönen Weiblichkeit das Gemüth zu wahrer und heftiger Leidenschaft entflammt werden soll, da müssen jene drei Arten der Empfindung mit einander zusammentreffen; alsdann aber wird sich dieselbe in jeder mit einem so mächtigen Feuer äussern, dass der unerfahrne Beurtheiler die jedesmal vorwaltende leicht für die einzige erklären kann. Der rohen noch ganz der Natur angehörenden Weiblichkeit ist zwar Ausgelassenheit der sinnlichen Begierde nicht fremd, aber sie entsteht nicht sowohl aus positiver Stärke der Sinnlichkeit (die in dem selbstständigeren und objectiveren Manne ungleich grösser seyn muss) als aus Leere der Empfindung, und aus Mangel einer entgegenstehenden Kraft, die sie zu zügeln vermöchte. Daher wird sie mehr als im Manne durch die Kultur herabgespannt.
Die Harmonie, welche die Frauen in der ganzen Summe ihrer Empfindungen fodern, die Totalität, auf die sie bei jedem Gegenstande dringen, dem sie sich mit einer gewissen Wärme widmen sollen, und die Tiefe und Innigkeit ihres Gefühls müssen zusammengenommen in hohem Grade dasjenige hervorbringen, was man stäte und dauernde Gesinnungen nennt, und auf der einen Seite dem Wechsel der Laune, auf der andern der absichtlichen Wirkungsart des Willens entgegensetzt. Daher ruht die weibliche Moralität mehr auf der Natur, als auf Ueberlegung und Charakterstärke, und daher gewährt das weibliche Gemüth so oft das schöne Schauspiel einer freiwilligen Herrschaft edler Gesinnungen, da das männliche mehr das erhabene einzelner glücklich errungener Kämpfe darbietet. Dass es dem andern Geschlechte indess ebensowenig nothwendig an der Kraft gebricht, welche zu diesen erfodert wird, zeigen häufige Beispiele, nur dass freilich die unverbrüchliche Anhänglichkeit an reine Sittlichkeit mehr aus einmal in die Natur selbst übergegangenen Gesinnungen, als aus unmittelbarer Achtung für das Gesetz hervorgehen wird.
Bemerkungen zur Entstehungsgeschichte
Handschrift (43 Quartseiten) im Archiv in Tegel.
Dieser Entwurf gehört nach den Wasserzeichen (vgl. Bemerkungen zum Text 1.4. Über die Gesetze der Entwicklung der menschlichen Kräfte ) in den August oder September 1795, als Humboldt, mit den Druckanordnungen des schillerschen Musenalmanachs beschäftigt und durch häusliche Verhältnisse häufig an geistiger Sammlung verhindert, in Tegel den Faden seiner jenaischen Untersuchungen weiterzuspinnen sich anschickte. In den gleichzeitigen Korrespondenzen wird seiner nirgends gedacht, wohl weil er nach dem ersten rasch hingeschriebenen Anfang bald als unbefriedigend vom Verfasser beiseite gelegt wurde. Nach der Rückkehr nach Jena gibt Humboldt in einem Briefe an Wolf vom 23. Dezember 1796 eine skizzenhafte Übersicht über seine Absichten mit seiner Anthropologie, woraus wir ersehen, daß mit der Charakterisierung der Geschlechter, die an die Horenaufsätze anknüpft, nur eben der erste Schritt auf der dort vorgezeichneten Bahn getan war; daß schon ein Stück der Arbeit schriftlich vorlag, wird dort nicht erwähnt, vielmehr ausdrücklich hervorgehoben, daß alles noch im Stadium des Entwurfs und der vorbereitenden Studien sei. So wenig also schien das Fertiggewordene den erhöhten Ansprüchen zu genügen, die Humboldt infolge der vertiefenden Einwirkungen des nunmehr nebenherlaufenden Plans einer Charakteristik des achtzehnten Jahrhunderts jetzt an die Anthropologie stellte. Noch in der ersten pariser Zeit taucht der Plan einmal flüchtig wieder auf (an Goethe, April 1798).