Wilhelm von Humboldt: Schriften
[2.324]

Über den Geist der Menschheit

Einleitung

  1. Der Mensch, dem es ein Bedürfniss ist, in seinem Denken und Handeln Folge und Einheit zu beobachten, kann sich nicht begnügen, bei der Beurtheilung der Gegenstände seiner Thätigkeit, und der Wahl seiner Mittel nur bedingten Rücksichten zu folgen, zum Maassstabe dessen, was gut und wünschenswürdig ist, bloss Dinge anzunehmen, die selbst nur in Beziehung auf andere Werth haben; er muss ein letztes Ziel, einen ersten und absoluten Maassstab aufsuchen, und dies Letzte muss eng und unmittelbar mit seiner innern Natur verwandt seyn.

  2. Hätte er indess seinem Forschungsgeiste in einer andern Zeit auch engere Grenzen setzen können, so wäre es ihm doch in der jetzigen unmöglich. Solange noch in den äusseren Verhältnissen der Menschen Vieles fest und unerschüttert steht, braucht alles nur damit vergliechen zu werden, ist unmittelbar nur die Frage nothwendig: ob diesen Grundsäulen menschlicher Wohlfahrt Gefahr droht? Wenn aber alles ausser uns wankt, so ist allein noch in unserm Innern eine sichere Zuflucht offen, und seitdem in einem der bedeutendsten und cultivirtesten Theile der Erde eine wirkliche Umkehrung aller Verhältnisse Statt gefunden hat, ist es immer zweifelhaft, wieviel sich in den übrigen davon erhalten wird? zumal, da jene Umkehrung in einem philosophischen [2.325] Zeitalter als das einzig-Rechtmässige, als etwas absolut- und moralisch Nothwendiges vorgestellt wird.

  3. Aber jenes Streben nach etwas Letztem und Unbedingtem hat noch einen andern Grund der Nothwendigkeit. Alles Mittelbare und Bedingte kann immer nur einseitig entweder unsern Verstand oder unsre Empfindung befriedigen; nur für das, was unser eigentliches und inneres Wesen nahe berührt, erwärmt sich unsre ganze, also unsre beste und wahrhaft menschliche Natur.

  4. Der Mensch muss daher Etwas aufsuchen, dem er, als einem letzten Ziele alles unterordnen, und nach dem er, als nach einem absoluten Maassstab, alles beurtheilen kann. Dies kann er nicht anders, als in sich selbst finden, da in dem Inbegriff aller Wesen sich nur auf ihn allein alles bezieht; es kann sich aber weder auf seinen augenblicklichen Genuss, noch auf sein Glück überhaupt beziehen, da es vielmehr ein edler Vorzug seiner Natur ist, den Genuss verschmähen und das Glück entbehren zu können; es kann daher nur in seinem inneren Werth, in seiner höheren Vollkommenheit liegen.

  5. Die Würde des Menschen ist es also, die er aufzusuchen, und die Frage, die er zu beantworten hat, ist die: was ist dasjenige, wonach, als nach einem allgemeinen Maassstabe der Werth der Dinge für den Menschen, und der Werth der Menschen gegen einander bestimmt werden kann? wie ist es zu erkennen, wo es vorhanden ist? wie hervorzubringen, wo es noch zu fehlen scheint?

  6. Da es auf Alle Anwendung finden soll, muss es etwas Allgemeines seyn, da es aber niemanden einfallen kann, verschiedene Naturen nach einem einzigen Muster zu modeln, muss es der Verschiedenheit der Individuen keinen Eintrag thun. Es muss also Etwas seyn, das, immer Eins und eben dasselbe, auf mannigfaltige Weise ausgeführt werden kann.

  7. Indem er dies unbekannte Etwas und die Mittel, dahin zu gelangen, aufsucht, so lange also, als er theoretisch verfährt, muss er, von der Möglichkeit eines allgemeinen Zusammenwirkens ausgehend, sein Augenmerk auf alle, auf die Veredlung des ganzen Menschengeschlechts richten. Indem er aber jene Mittel praktisch ausführen will, muss er sich in sich selbst einschliessen, weil es thörigt wäre in einen bestimmten Plan aufzunehmen, was nicht bestimmt in der eigenen Willkühr steht. Der Verstand sucht seine Totalität in der Welt und kennt keine andern Grenzen, als die [2.326] auch die ihrigen sind; der Wille findet die seinige in dem Individuum, und geht nie über dasselbe hinaus.

  8. Soll aber beides nicht mit einander in Widerspruch stehen, so muss jenes Problem so aufgelöst werden, dass sein eignes Vorrücken zum Ziele zugleich die allgemeine Annährung aller zu demselben, und zwar geradezu und unmittelbar (nicht bloss in so fern er ein einzelner Theil des Ganzen ist) befördert. Seine eigne Ausbildung muss die übrigen, selbst ohne und sogar wider ihren Willen nöthigen auch und zwar mit der seinigen übereinstimmende Fortschritte in der ihrigen zu machen. Die durchgängige Wechselwirkung des theoretischen Verstandes und des praktischen Willen bringt immer eine Art zu handeln hervor, bei der wir mit vollkommen individueller Energie doch nur eine einzelne Rolle in einem allgemeinen Plan ausführen.

  9. Was er sucht, kann die Moral allein ihm nicht gewähren, und es kann daher nicht als etwas schon Bekanntes angesehen werden. Denn obgleich der moralische Werth allein alle menschliche Würde bestimmt, so ist er doch nur auf einen Theil unsres Wesens, nur auf die Gesinnung, eingeschränkt. Hier wird auch Bildung, hier überhaupt etwas so Allgemeines verlangt dass es den ganzen Menschen in allen seinen Kräften und allen seinen Aeusserungen umfasst.

  10. Denn das ist gerade der unterscheidende Charakter dessen, wonach wir hier streben, dass es über den Werth jeder menschlichen Energie, jedes menschlichen Werkes den höchsten Ausspruch fällen, und eben so gut ob ein Gedicht ächt dichterisch, ein philosophisches System ächt philosophisch, als ob ein Charakter ächt menschlich ist? entscheiden muss.

  11. Es giebt nemlich Ein Gepräge, womit alles Grosse, was von dem Menschen ausgeht, nothwendig gestempelt ist, weil es das Gepräge grosser Menschheit selbst ist; und dies Gepräge aufzufinden und seine Züge überall wiederzuerkennen, ist das Geschäft, das wir vorhaben.

  12. Um nun dahin wirklich zu gelangen, kann der Mensch einen doppelten Weg einschlagen: einen Erfahrungs- und einen Vernunftweg.

  13. Erfahrungsweg. – Er blickt um sich her und wählt sich diejenigen Individuen aus, welche ihm den besten und höchsten [2.327] Begriff vollendeter Menschheit geben. Da er das Ideal selbst nicht anschauen kann, hält er sich an seine treuesten Abdrücke. Aus der Masse der Zeiten und Nationen sucht er sich die Dichter, Künstler, Philosophen und Naturforscher aus, die in einem wahrhaft grossen Stile gearbeitet haben, die jede dieser Gattungen am reinsten in ihrer besten Eigenthümlichkeit darstellen. Vor allem aber versäumt er nicht, aus dem Leben selbst diejenigen Menschen herbeizurufen, welche ihm durch ihre innere Beschaffenheit und ihre äussre Gestalt am sichtbarsten das Bild einer hohen und edeln Menschheit zeichnen.

  14. Alle vergleicht er sorgfältig unter einander, und vorzüglich betrachtet er in allen dasjenige Gemeinsame, was sie für ihn auf eine so hohe Stufe des inneren Werthes stellt. Bei dieser Betrachtung gelangt er nach und nach zu folgenden Punkten:

  15. dies ihm noch unbekannte Etwas ist 1., nichts Mechanisches; es lässt sich nicht durch blosse Befolgung vollständig angegebener Regeln nachmachen, ja durch den blossen Verstand, und ohne es, vermöge einer gewissen schon vorhandenen Aehnlichkeit, selbst gewissermaassen zu versuchen, nicht einmal begreifen. Wer keinen Sinn dafür hat, sieht es nicht; und wer es sieht, kann es nicht aussprechen.

    Bei der Kunst ist dies ganz offenbar. Niemand hat noch bisher begriffen oder erklärt, wie ein ächt künstlerischer Gedanke entsteht, und noch weniger, wie er ausgeführt wird; obgleich fast jeder es dunkel ahndet, und viele es deutlich fühlen.

    Nicht weniger sichtbar ist es im praktischen Leben. Die Energie, mit der wir die Pflicht bloss um der Pflicht willen erfüllen, lässt sich nicht mehr mit Worten deutlich machen. Unsre Natur will es, darum ist es so. Dies sieht man deutlich daran, dass sie dem unverdorbnen Gefühl sonnenklar ist, dem verschrobenen abgeschmackt und lächerlich erscheint. Wie viel weniger aber lassen sich noch die zarteren Regungen vorzüglich weiblicher Seelen aussprechen, welche gerade die grösseste Feinheit und Schönheit des Charakters verrathen. Die Seele fühlt diese Unmöglichkeit selbst so sehr, dass sie sich nur demjenigen entfaltet, der sie versteht, und sich instictmässig vor dem Blick des Ungeweihten zurückzieht.

    Dem Philosophen kann man zwar eine grosse Strecke hindurch Schritt vor Schritt vermöge blosser Verstandesoperationen nachfolgen. Aber es ist ein unfehlbares Zeichen, dass seine Philo-[2.328] sophie nicht bis zu den ersten Gründen hinaufsteigt, wenn nicht endlich Ein Punkt kommt, wo man nicht mehr analytisch verfahren kann, und wo nur der Versuch entscheidet, ob man zum Philosophen gebohren ist, oder nicht.

    Bei dem Naturforscher ist es am schwersten zu begreifen, und würde eine eigne weitläufige Auseinandersetzung erfordern. Wir begnügen uns zu bemerken, dass hier die schwierigen Punkte für den Beobachter der lebendigen Natur der Begriff des Lebens, für den der todten der Begriff der Bewegung in dem dynamischen, der Begriff der Verwandtschaft in dem chemischen Theil ist.

    Selbst die Mathematik ist am wenigsten hiervon ausgenommen. Das, worauf sie ganz und gar beruht, die Construction lässt sich nur zeigen und nachmachen, nie erklären. Denn es ist mehr darin, als ein blosser Begriff, und dies Mehr ist nicht aus der sinnlichen Natur genommen.

    Es giebt nur zwei Wege, etwas eigenetlich begreiflich zu machen; 1., wenn man es in der Natur ausser uns wirklich vorzeigt. 2., wenn man Begriffe aufweist, von denen es als eine nothwendige Folge abhängt. Das, wovon wir hier reden, befindet sich in keinem beider Fälle, und dadurch zeigt es, dass es 1., die Frucht einer Selbstthätigkeit (nicht bloss aus der äussern Natur Hergenommenes), 2., einer ursprünglichen Thätigkeit ist, dass es nichts Früheres mehr giebt, von dem es abhienge, und woraus es also begriffen werden könnte.

    Da es nun möglich seyn muss, jedes rein geistige Geschäft bis zu einer Handlung ursprünglicher Selbstthätigkeit zu verfolgen, so muss es auch in jeder nothwendig Einen unbegreiflichen Punkt geben, bei dem die Operationen des blosses Verstandes nicht mehr ausreichen.

  16. Was sich in diesen so ausgezeichneten Menschen findet, ist 2., nichts, was bloss Nutzen oder Vegnügen gewährt, dem Menschen bloss Mittel an die Hand giebt, oder unmittelbar nur seinen sinnlichen Neigungen schmeichelt; es greift tief in die Menschheit ein, und stärkt ihre innersten Kräfte.

    So unterscheiden wir den ächten Dichter, der uns einen tiefen Blick in uns selbst und die Welt eröfnet, von dem bloss angenehmen oder beredten; den idealisch gebildeten Menschen von dem bloss nützlichen Geschäftsmann, dem bloss gutmüthigen Hausvater oder dem bloss unterhaltenden Gesellschafter u. s. f.

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  18. Es ist 3., von der Art, dass, wer es besitzt, dadurch zugleich eine höhere Menschheit an sich trägt. Wäre indess auch er für sich nur einseitig ausgebildet, hätte sich dies eigentlich Grosse in ihm nicht durchgängige Herrschaft verschaffen können, so wird es doch an sich allemal in jedes Bild vollendeter Menschheit hineinpassen, und in der Wirkung auf andre diese immer nähren und stärken.

    Nur der ächte Dichter wirkt wohlthätig auf den Charakter; jeder andre ist für die innere Bildung entweder verderblich oder gleichgültig. In diesem Sinne moralisch zu seyn ist die erste Forderung, die an jeden Künstler ergeht. Wenn der grosse Künstler nicht immer auch grosser Mensch ist, so ist es nur, weil er nicht in allen Punkten seines Wesens und in allen Augenblicken seines Lebens Künstler ist.

  19. Auf dieser Verwandtschaft des Treflichen jeglicher Art mit dem Treflichen der Menschheit überhaupt beruht die Möglichkeit einen einzigen Standpunkt zu finden, aus welchem sich alles vergleichen und alles beurtheilen lässt. Ohne einen solchen aber könnte der Mensch sich weder, was ihn umgiebt, gehörig aneignen, noch bildend darauf zurückwirken; nicht die Welt in seine Individualität hinübertragen, noch den Stempel dieser der Welt wiederum aufdrücken, was doch allein das letzte Ziel seiner Bestrebungen, die einzige Quelle wahrhaft menschlicher Genüsse seyn kann.

  20. Es ist daher ein Irrthum, wenn man den einzelnen Gattungen menschlicher Thätigkeit besondere Gesetze vorschreibt, durch deren Befolgung sie zugleich der allgemeinen Würde der Menschheit getreu bleiben sollen. – Unmittelbar und allein dadurch, dass die Kunst wahre Kunst und die Philosophie wahre Philosophie ist, wirkt sie wohlthätig auf den Charakter ein.

  21. Jene ausgezeichneten Menschen, die uns hier zum Vorbilde dienen, haben 4., immer eine entschiedene und originelle Individualität. – Man bilde sich nur vollkommen zum Menschen aus, und man erscheint sicherlich auch als ein eigener Mensch, und eben so ist es mit dem Künstler, dem Philosophen, dem Naturforscher, nur immer nach Maassgabe des Spielraums, welchen die allgemeine Treflichkeit der Mannigfaltigkeit im Einzelnen in jeder Gattung erlaubt.

  22. Was jene Menschen zu grossen Menschen macht, kennt 5., keine Grenze der Vervollkommnung. Es bildet sich ins Un-[2.330] endliche hin aus, es giebt keinen Punkt, bei dem es seinen Endzweck erreicht, sein Maass erschöpft hat; es ist die Energie einer lebendigen Kraft, und das Leben wächst durch das Leben.

  23. Aber es ist endlich 6., auch rund um sich her fruchtbar und begeisternd. Selbst lebendig sendet es überall belebende Funken von sich aus; und in dieser allgemeinen Wirksamkeit hat es zugleich drei dieselbe wesentlich auszeichnende Eigenschaften.

  24. Erstlich: es wirkt nicht durch angelegte Plane, absichtliche Veränderungen, überhaupt nicht durch eine auf die andern gerichtete Thätigkeit. Bloss dadurch dass es da ist, dass es handelt und wahrgenommen wird, übt es seine bildende Kraft aus.

  25. Zweitens: es wirkt auf Menschen der verschiedensten Individualität. Es ist ihm genug, nur etwas von demjenigen anzutreffen, worin es selber besteht; wo es davon nur den leisesten Schimmer entdeckt, wo nur die Schlacken, die es verhüllen, nicht zu roh und undurchdringlich sind, da erweckt es den halb erlischenen Funken und facht ihn zur erwärmenden Flamme an.

  26. Drittens: es macht diejenigen, auf die es einwirkt, nicht gerade der Individualität gleich, die es, da, wo es sich befindet, selbst an sich trägt, es giebt ihnen ferner nicht allein gar keine bestimmte Form, sondern bestimmt sie, diejenige, die ihnen die eigenthümlichste ist, aufzufinden. Denn es weckt ihre innere geistige Lebenskraft und diese bildet natürlich denjenigen Charakter in ihnen, der allein ihnen gemäss ist.

    Der redendste Beweis dieser Behauptung ist die Liebe. Nirgends, als in ihr, wirkt das, wovon wir hier reden, so stark und so bestimmt, und daher bringt die ächte Liebe nie Gleichheit, sondern immer nur idealische Uebereinstimmung der Charaktere hervor. Beide Liebende rücken jeder in der Eigenthümlichkeit seines Charakters, und beide gemeinschaftlich in der Annäherung zu dem Ideale vor, das sie beide in Einen Begriff und in dem Spiegel ihrer durch die Leidenschaft begeisterten Einbildungskraft in Ein Bild zusammenschliesst.

  27. Der Mensch wirkt überhaupt entweder durch seine Person, oder sein Werk. Aber der grosse Mensch prägt seine Person auch seinem Werke ein, und erhält dadurch sein Daseyn weit über die Spanne seines Lebens hinaus. Daher kann man alle Bücher und Kunstwerke in lebendige und todte abtheilen; nur jene können bilden, diese allein belehren.

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  29. Indem also der Mensch, dem letzten Ziel seines moralischen Strebens nachforschend, diejenigen Individuen vergleicht, welche ihm den besten und höchsten Begriff vollendeter Menschheit gewähren, findet er in ihnen allen etwas, das, da es in seinen Wirkungen gleich ist, auch in seiner Beschaffenheit Gleichheit und Uebereinstimmung ankündigt.

  30. Er sieht, dass es in allen, trotz der Verschiedenheit ihres Charakters, zugleich die allgemeine Menschheit erhöht und die besondre Eigenthümlichkeit stärkt, zugleich diejenigen, die es besitzen, stenger in ihrer Individualität, und den, der sich ihnen nähert, in der seinigen erhält; er erkennt daran, dass nur dies der gemeinsame Mittelpunkt ist, aus welchem die ganze Menschheit zugleich erkannt, beurtheilt und gebildet werden kann. Gerade ein solcher Mittelpunkt aber ist es, in den er sich zu stellen bemüht ist.

  31. Nachdem er also dies unbekannte Etwas in seinen allgemeinen Wirkungen erkannt hat, hat er es in seiner besondern Beschaffenheit aufzusuchen; und was er dafür hält, mit den allgemeinen Merkmalen zu vergleichen, die er nun aufgefunden hat. Wenn er dann auf diesem Wege etwas findet, das, auf keine bedingte (mechanische) Weise entstanden, auch zu keinem bedingten (materialen) Ziel führt, das überall, wo es sich zeigt, zugleich den Begriff der Menschheit erweitert und den des Individuums bestimmt, und indem es die Vervollkommnung dessen, der es besitzt, über alle Schranken hinaus zu erweitern fähig ist, zugleich auf andre bildend und fruchtbar einwirkt, und was hinwiederum, wo diese Eigenschaften vorhanden sind, sie immer und unausbleiblich begleitet; so ist es sicher, was er suchte, gefunden, und damit sein Geschäft vollendet zu haben.

  32. Um uns für die Folge der Untersuchung verständlicher zu machen, wollen wir jenem noch unbekannten Etwas vorläufig einen Namen geben, und es den Geist der Menschheit nennen – eine Benennung, die sich fürs erste schon dadurch rechtfertigt, dass es in der That dasjenige ist, wodurch die achtungswürdigsten Individuen auch als die besten und höchsten Menschen erscheinen.

  33. Vernunftweg. – Es soll die Bestimmung des Menschen, als das letzte Ziel seines Strebens, und der höchste Maassstab seiner Beurtheilung aufgesucht werden. Nun aber ist die Be-[2.332] stimmung des Menschen, als eines freien und selbstthätigen Wesens allein in ihm selbst enthalten.

  34. Der grösseste Mensch ist daher der, welcher den Begriff der Menschheit in der höchsten Stärke, und in der grössesten Ausdehnung darstellt; und einen Menschen beurtheilen heisst nichts andres, als fragen: welchen Inhalt er der Form der Menschheit zu geben gewusst hat? welchen Begriff man sich von der Menschheit überhaupt zu bilden hätte, wenn er das einzige Muster wäre, aus welchem man denselben abnehmen könnte?

  35. Der Begriff der Menschheit aber ist nichts anders, als die lebendige Kraft des Geistes, der sie beseelt, aus ihr spricht, sich in ihr thätig und wirksam erweist.

  36. Der Gegenstand unsres vorliegenden Geschäfts ist folglich die Untersuchung des Geistes der Menschheit; und in drei auf einander folgenden Büchern werden wir nach einander die Fragen:

    worin dieser Geist besteht?

    wie er erkannt? und

    wie er gebildet wird?

    zu beantworten haben.

Schluss-Anmerkung

Es war nicht leicht, einen Ausdruck zu finden, welcher das Wesen der Menschheit auf eine zugleich allgemeine, und doch eigenthümlichere Weise, als Wesen und Kraft selbst, bezeichnete. Wenn er passend seyn sollte, so musste er zugleich auf ihre sinnliche und unsinnliche Natur bezogen werden können, und noch ausserdem, dass er das darin eigenthümlich Herrschende sey, anzeigen.

In beiden Rücksichten schien Geist unter allen Wörtern, deren man sich hätte bedienen können, das Schicklichste; 1., weil es ursprünglich von etwas Sinnlichem, dem Verstärken reizender Getränke durch die Absonderung der wässerigten Theile (Weingeist) hergenommen ist. 2., weil es, streng genommen, nie, es sey denn mit einem besondern Zusatz, das rein Unsinnliche bezeichnet. Man sagt richtiger: Seele und Körper, als Geist und Körper, und sehr häufig reiner Geist. 3., weil es gerade das eigenthümliche Wort für dasjenige Unsinnliche ist, dem wir [2.333] gerade noch genug Körperliches einräumen, um erscheinen zu können, das Synonym von Gespenst. Die Seelen der Verstorbenen wandeln als Geister umher. 4., weil es selbst in dieser Bedeutung mehr Realität hat, etwas Kräftigeres und Stärkeres anzeigt, als das sonst gleichbedeutende Gespenst. So drück es eine tiefer liegende Verwirrung aus, wenn man sagt: er sieht Geister, als er sieht Gespenster. 5., weil es im psychologischen Gebrauch nie auf das, was bloss mechanisch ist, angewandt wird. Man sagt nie ein geistreicher, immer ein sinnreicher Mechaniker, nie ein geistreicher, immer ein sinnreicher Versuch. Eben so ist auch spirituel und ingenieux verschieden. 6., weil es immer die ganze Beschaffenheit einer Sache, ihr Wesen, nicht eine einzelne Bestimmung andeutet, und daher nie von demjenigen gebraucht wird, was durch eine einzelne Kraftäusserung hervorkommt, wenigstens nicht insofern, als man dies zugleich ausdrückt. Man sagt nie eine geistreiche, immer eine sinnreiche Erfindung, selbst wenn das Erfundene wirklich geistreich wäre. (Doch liegt in dieser Einschränkung offenbar etwas Willkührliches.) 7., weil geistreich und geistvoll immer nur da gebraucht werden, wo Tiefe der rein intellectuellen Kräfte mit Lebendigkeit der sinnlichen Einbildungskraft zusammenkommt. Man sagt immer nur uneigentlich, ein geistvoller Metaphysiker, Mathematiker, Logiker. 8., endlich weil Geist zugleich das herrschende, eigenthümliche und ächte Wesen, im Gegensatz des Buchstabens anzeigt.

Alle neueren Sprachen haben Ausdrücke, die diesem entsprechen, und in allen ist es dieselbe Metapher. Nur hat keine ihr für den gegenwärtigen Gebrauch eine so passende Modification gegeben. Im Italiänischen ist spirto mehr mystisch, als philosophisch; im Französischen ist vom ursprünglichen Begriff der Distillation vorzüglich die Verfeinerung genommen; im Englischen das Belebende und Feurige des verstärkten Getränks (well spirited).

Im Deutschen allein ist der Begriff der Kraft, des ächten Wesens herrschend geblieben. Ganz ursprünglich nemlich rühren alle diese Wörter von dem Begriff des Hauchs, des Windes her. Erst davon, und erst als Metapher für etwas Unsinnliches sind sie auf das Verfahren der Distillation (als nemlich das Ausziehen des Weniger-Materiellen) übergetragen. Indess hat die psychologische Bedeutung wiederum bald mehr, bald weniger von [2.334] dieser zweiten Metapher an sich gerissen. Am meisten offenbar im Französischen. Im Deutschen ist die uranfängliche Bedeutung sehr herrschend geblieben, und die zweite Metapher zeigt sich nur in einigen Redensarten, wie: den Geist aus einer Sache ziehen u. s. f. Selbst die uranfängliche Bedeutung scheint (nach der Analogie von Gischt) sehr stark gewesen zu seyn; und diese Stärke hat sich besser enthalten, weil die Wurzel selbst Deutsch (also durch Ton und Eigenthümlichkeit uns näher) ist, dahingegen spirto, esprit und spirit von spiritus und diess von πνεῦμα herkommt und weder spiritus noch πνεῦμα bei den Alten philosophisch gebraucht wurden.

Der unsinnliche Gebrauch dieser Ausdrücke bei den Alten ist erst durch das Christenthum entstanden, und kommt aus dem Hebräischen her (dies ist noch näher zu bestimmen), und vorzüglich sind die psychologischen Anwendungen des Worts Geist bei den Neueren ihnen fremd. Kannten sie das Rectificiren geistiger Getränke nicht? oder warum blieb diese Metapher unbenutzt?

Dagegen wäre das Griechische ἀρετὴ ausserordentlich gut, was wir hier verlangen auszudrücken, da es die volle, ächte, und eigenthümliche Kraft anzeigt und ebensogut von der innern, als äussern Bildung gebraucht wird. Es ist besser, als Geist, weil es nicht, wie jede Metapher, dem Misbrauche unterworfen ist, und weil es den Begriff rein aus der Natur, nicht aus unserer Ansicht derselben nimmt, weil es ein Werk des beobachtenden Sinnes, nicht der Einbildungskraft ist. Freilich aber hat es eben darum auch eine Nüance weniger und verliert, durch seine mehr pragmatische Kraft, an Idealität. Virtus, vertu, virtue, virtù und unser Tugend haben eigentlich denselben Umfang, aber sie haben ihn in der Anwendung nicht behalten, weil nur die Griechen den Begriff in seiner ganzen Eigenthümlichkeit bewahrt haben.

Dass die Griechen Geist in der psychologischen Bedeutung nicht kannten, und dass nur Tugend bei ihnen eine Rolle spielt, beweist ihre mehr pragmatische, und doch nicht minder idealische Nüchternheit; dass bei uns Geist eine so kraftvolle, und eben dadurch wieder weniger spirituale Bedeutung hat, und wir auf der andern Seite eben so wieder auch für ἀρετὴ eine eigne Wurzel haben, ist ein Vorzug unsrer Sprache, den sie mit keiner andern theilt.

Bemerkungen zur Entstehungsgeschichte

Handschrift (15 halbbeschriebene Quartseiten, ohne Titel) im Archiv in Tegel.

Humboldts pariser Tagebuch enthält unter dem 26. Dezember 1797 die lakonische Notiz: Die Idee zu der Schrift über die letzte Bestimmung des Menschen und den großen Stil im Denken, Dichten und Handeln gefaßt. Da weitere Bemerkungen im Tagebuch fehlen, so dürfte der uns erhaltene Entwurf, bei dem auch das Wasserzeichen auf die ersten pariser Monate weist, wohl an diesem Tage niedergeschrieben sein; nur die Schlußanmerkung, die andre Tinte zeigt, scheint später hinzugefügt. Das Werk selbst, zu dem das erhaltene Manuskript die Einleitung bilden sollte, ist nie ausgeführt worden. Der Zusammenhang des Planes mit dem Ideenkomplex, aus dem Das achtzehnte Jahrhundert erwuchs, liegt am Tage; auch an die Einleitung zu dem Buche über Hermann und Dorothea sei nochmals erinnert.